Linsensuppe oder Banjo?

Eine Kneipe mit einem kleinen Saal. Vorne im Schankraum saßen viele jüngere Leute im Dunst von Zigarettenqualm an den Tischen und an den Tresen. Viel Gerede über Musik und Politik. Am Eingang im angrenzenden Saal hinter einem Tisch neben einer Stehlampe saß eine ältere Frau. Mit einer rauen Stimme sprach sie mich an: „Na, Jüngelchen wat wills du denn?“ Ich fragte brav, ob hier der Folk Club sei und schaute mich im Saal um. Stühle waren im Halbkreis um eine imaginäre Bühne aufgestellt. Es roch nach Hochzeitsfeiern, Geburtstagen und Vereinssitzungen. Der Geruch von Nikotin und Schnaps hatte sich schon fest in die Holzvertäfelung eingefressen. „Da bisse hier richtich. Dann krieg’ich ’ne Mark von dir.“ Ich kramte nach einer Mark und bekam einen Stempel auf den Handrücken. Ich setzte mich auf einen der letzten freien Plätze. Dann sagte jemand die erste Band an – die Backyard Buskin Band. Und es war eine Offenbarung. Ein irre schnelles Banjo, Gitarre, Bass und Mandoline. Songs wie Old Home Place und die Moritat von Mackie Messer wechselten mit Instrumentalstücken. Banjo, das musste ich auch spielen. Und an der Mandoline war Uli. Plötzlich Gepolter im Schankraum, Gelächter und laute Begrüßungsrufe auf Englisch. Die Tür zum Saal wurde aufgerissen. Ein Mann mit einem Bart und zotteligen Haaren lugte herein und rief: „Hi Hilde!“ Alle drehten sich um, ein Raunen ging durch den Saal. Die ältere Frau lachte und hielt den Zeigefinger vor den Mund.

In der Pause stürmten alle in den Schankraum. Die Theke war belegt und es wurde schwierig ein Bier zu bestellen. Eine Gruppe, die aussah, als käme sie von einem anderen Planeten, fing schon an zu singen. Die Pause war zu Ende und die fünf Typen, die im Schankraum für das ganze Spektakel gesorgt hatten, standen nun auf der Bühne. Es brauchte keine Ansage mehr – das waren die Fureys. Auch wenn ich ihre Texte nicht verstand, so spürte ich, dass das, was sie sangen, aus tiefster Seele kam.

Am nächsten Tag hatte ich noch Schule und kam kaum aus dem Bett. Im Unterricht schlief ich ein. Bestand mein Leben bisher aus der grauen Tristesse einer Linsensuppe, hatte ich jetzt den Geschmack der weiten Welt auf der Zunge und in meinen Ohren klang immer noch dieses Lied May We All Someday Meet Again. Und ich wusste, ich brauchte ein Banjo.

 

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