Ein letztes Heute

Benni hatte die Idee, man könnte sich nach über vierzig Jahren treffen, quasi wie ein Klassentreffen. Wir vereinbarten einen Termin an einem Sonntagnachmittag im Mai bei Uli. Bei Kaffee und Kuchen wurde über alte Zeiten gewitzelt. Es ist interessant, wie das Gedächtnis die schlechten Erlebnisse ausblendet oder sie in vermeintlich witzige Episoden umdeutet, und am Ende schwelgt man in nostalgischen Erinnerungen, wie schön alles war. Wir machten ein Foto am Tisch, ähnlich einem Foto, das früher einmal entstanden war. Damals saßen wir auch um einen Tisch herum in Ulis Kotten und fantasierten, wie wir noch bekannter werden könnten. Dieser Enthusiasmus der jungen Jahre, der keine Grenzen kennt, malt einem die unglaublichsten Möglichkeiten aus.

Gestärkt von Kaffee, Apfelkuchen und Schlagsahne, gingen wir zusammen in Ulis Musikkeller. Benni hatte die Idee, man könne ein Revival organisieren. Da war wieder diese kleine Flamme der Begeisterung – wir schnappten uns die Instrumente, spielten Sweet Baby James und Fox on the run und was wir sonst noch von früher im Gedächtnis hatten.

Vier Wochen später. Ein Anruf. Die Stimme seiner Lebensgefährtin – Uli sei zusammengebrochen. Plötzlicher Herzstillstand. Man versucht ihn zu reanimieren. Später als sie nochmal anrief, herrschte diese Stille – sie schwebte über diesen Moment. So wie ein Musikstück, das zu Ende gespielt ist und verklingt. Der letzte Akkord schwebt noch im Raum, die Spannung des Stücks wirkt noch.

Ich dachte an unser letztes Treffen zurück. Wie schnell alles vorbei sein kann. Das Heute hatte uns ein Geschenk bereitet, das wir vier in Ulis Keller teilen durften. Ein paar Songs, vielleicht fünfzehn Minuten, war dieses Heute lang. Es schloss sich hinter uns wie die Kellertür, als wir wieder nach oben gingen.

Uli hatte eine Gabe. Er hatte es verstanden, ein Feuer zu entfachen. Er war ein Pfadfinder, der die Fähigkeiten eines Menschen freilegen konnte. Er hatte in uns Dreien diese Begeisterung für die Musik entzündet. Den Weg danach ist jeder von uns alleine gegangen. Mir hat die Musik durch die schwersten Krisen meines Lebens geholfen.

 

Banjo oder Sehnsucht?


Das Banjo bedeutete Freiheit für mich. Meine erste Inspiration auf dem Instrument bekam ich von Michael Lohrengel, dem Banjospieler aus der Backyard Buskin Band. Später bin ich zu Lody van Vlodrop nach Kampen getrampt, der mir den ganzen Banjokosmos eröffnet hat und mir empfohlen hatte, ein richtiges Banjo zu kaufen.

Nachdem mein verstorbener Vater mir einen Sparbrief hinterlassen hatte, der zu dieser Zeit zur Auszahlung kam, habe ich mir in den USA ein Stelling Superstar bestellt. So ausgerüstet habe ich irgendwann all meinen Mut zusammengenommen und Uli auf der Straße angesprochen, ob er Lust hätte mal zusammen mit mir zu jammen. Es kam eins zum anderen. Wir suchten dann noch einen Bassisten und einen Gitarristen. Mit Stephan Lindner an der Gitarre waren wir zu Dritt und später kam noch Benjamin Weißert am Bass dazu. Die erste Band stand – das Ardey Quartett. Uli schlug mir vor, zu ihm und Anke, seiner Frau, zu ziehen in einen Kotten. „Da können wa‘ den ganzen Tag Musik machen!“, war sein Versprechen. Der Vorschlag fühlte sich gut an, weg von zu Hause, dem Zusammenleben mit meiner Mutter, dem kleinen Jugendzimmer. Ich zog bei Uli und Anke ein. Wir spielten traditionelle Bluegrasssongs, Rockhits wie So happy together oder Pinball Wizzard. Aber auch Gedichtvertonungen von Erich Kästners „Maskenball im Hochgebirge“ oder eigene Kompositionen von mir wie La Röchel. Es folgten Auftritte durch Clubs, Jugendzentren, Stadtfeste und Kneipen in ganz Westdeutschland. Eine Tour durch Süddeutschland und die Schweiz folgte. Es kamen Anfragen als Banjospieler. Einmal für einen Film in der Produktion „Schnelles Geld“ von Raimund Koplin und Renate Stegmüller oder für eine Schallplattenproduktion von Ray Austin – „Elevenses“.

Doch etwas lastete auf meiner Seele wie ein schwerer Stein. Im geborgenen Zuhause bei meiner Mutter fiel er mir nie auf. Er ließ mich unruhig werden und hinderte mich, die neugewonnene Freiheit zu genießen. Der Vermieter des Kotten, in dem wir wohnten, war mit der WG-Form nicht einverstanden. Ich zog aus und suchte mir eine eigene Wohnung. Die Schule, zu der ich damals noch ging, brach ich ab. Ein kleiner Autounfall, den ich verursachte, stürzte mich in Schulden. Ich stieg aus dem Ardey Quartett aus, verkaufte das Banjo, beglich die Schulden, kündigte die neue Wohnung und kaufte mir eine klassische Gitarre. Mit einem Freund tingelte ich dann durch Europa. So trennten sich die Wege von mir und Uli.

Linsensuppe oder Banjo?

Eine Kneipe mit einem kleinen Saal. Vorne im Schankraum saßen viele jüngere Leute im Dunst von Zigarettenqualm an den Tischen und an den Tresen. Viel Gerede über Musik und Politik. Am Eingang im angrenzenden Saal hinter einem Tisch neben einer Stehlampe saß eine ältere Frau. Mit einer rauen Stimme sprach sie mich an: „Na, Jüngelchen wat wills du denn?“ Ich fragte brav, ob hier der Folk Club sei und schaute mich im Saal um. Stühle waren im Halbkreis um eine imaginäre Bühne aufgestellt. Es roch nach Hochzeitsfeiern, Geburtstagen und Vereinssitzungen. Der Geruch von Nikotin und Schnaps hatte sich schon fest in die Holzvertäfelung eingefressen. „Da bisse hier richtich. Dann krieg’ich ’ne Mark von dir.“ Ich kramte nach einer Mark und bekam einen Stempel auf den Handrücken. Ich setzte mich auf einen der letzten freien Plätze. Dann sagte jemand die erste Band an – die Backyard Buskin Band. Und es war eine Offenbarung. Ein irre schnelles Banjo, Gitarre, Bass und Mandoline. Songs wie Old Home Place und die Moritat von Mackie Messer wechselten mit Instrumentalstücken. Banjo, das musste ich auch spielen. Und an der Mandoline war Uli. Plötzlich Gepolter im Schankraum, Gelächter und laute Begrüßungsrufe auf Englisch. Die Tür zum Saal wurde aufgerissen. Ein Mann mit einem Bart und zotteligen Haaren lugte herein und rief: „Hi Hilde!“ Alle drehten sich um, ein Raunen ging durch den Saal. Die ältere Frau lachte und hielt den Zeigefinger vor den Mund.

In der Pause stürmten alle in den Schankraum. Die Theke war belegt und es wurde schwierig ein Bier zu bestellen. Eine Gruppe, die aussah, als käme sie von einem anderen Planeten, fing schon an zu singen. Die Pause war zu Ende und die fünf Typen, die im Schankraum für das ganze Spektakel gesorgt hatten, standen nun auf der Bühne. Es brauchte keine Ansage mehr – das waren die Fureys. Auch wenn ich ihre Texte nicht verstand, so spürte ich, dass das, was sie sangen, aus tiefster Seele kam.

Am nächsten Tag hatte ich noch Schule und kam kaum aus dem Bett. Im Unterricht schlief ich ein. Bestand mein Leben bisher aus der grauen Tristesse einer Linsensuppe, hatte ich jetzt den Geschmack der weiten Welt auf der Zunge und in meinen Ohren klang immer noch dieses Lied May We All Someday Meet Again. Und ich wusste, ich brauchte ein Banjo.

 

Mein erster Auftritt – Stadtteilladen, Kohleofen und Nierentisch

Ardey Quartett ca. 1980

Es sollte mein erster Auftritt sein. Uli sagte nur: „Dat schaffs‘e schon. Wir krieg’n zweihundert Mark. Is’n Stadtteilladen in Bochum.“ In Stadtteilläden kaufte man nichts, man bekam etwas umsonst – Gemeinschaft. Es war ein trüber Novemberabend. Wir brauchten nur unsere Instrumente, Uli seine Gitarre und Mandoline und ich mein Fivestring Banjo und Gitarre. Ich war aufgeregt – würde mein Dear Old Dixie klappen, so wie ich es von der Platte heruntergehört hatte?

Der Stadtteilladen war ein altes Ladenlokal. Wohnzimmeratmosphäre, alte Sperrmüllsofas und Stühle bunt gemischt, Stehlampen, Nierentischchen. Die, die keinen Platz auf den Möbeln hatten, saßen auf dem Boden, der mit alten Perserteppichen ausgelegt war. Geheizt wurde dort mit einem Kohleofen. Jüngere und Ältere, eben Nachbarschaft, saßen dicht beisammen und rauchten Selbstgedrehte, Rothändle oder Gauloise und tranken Flaschenbier, Wein oder Tee. Im Hintergrund röchelte noch eine Kaffeemaschine. Draußen regnete es und der Regen schlug gegen die Schaufensterscheibe. Wenn jemand reinkam in seinem Ostfriesennerz oder Norwegerpullover, ging ein „Psst“ durch das Publikum, man rückte noch näher zusammen und machte Platz. Wir spielten ohne Verstärker und das ging, weil die Leute zuhörten. Und durch das Zuhören entstand diese Spannung, die mein Herz bis in den Hals schlagen ließ. Uli war souverän, er hatte schon unzählige Auftritte hinter sich und gab mir Sicherheit.

Dann Dear Old Dixie. Höllentempo, aber es klappte. Die letzten drei Töne – Stille, Applaus. Und die Leute wollten Zugabe. Als ich am Ende noch die Hundert Mark in der Hand hielt, wusste ich, ich wollte nichts anderes mehr machen als diese Musik. Doch jeder Tag ist anders und morgen sollte ein anderes Heute sein.

 

 

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