Heute ist immer

Ein letztes Heute

Benni hatte die Idee, man könnte sich nach über vierzig Jahren treffen, quasi wie ein Klassentreffen. Wir vereinbarten einen Termin an einem Sonntagnachmittag im Mai bei Uli. Bei Kaffee und Kuchen wurde über alte Zeiten gewitzelt. Wir, das sind Uli, Benni, Stephan und ich. Wir waren einmal eine Band – das Ardey Quartett. Über vierzig Jahre waren vergangen, seit wir unter der Anleitung von Uli unsere ersten professionellen Erfahrungen als Musiker gemacht hatten. Viele gemeinsame Erinnerungen hingen an dieser Zeit und es ist interessant, wie das Gedächtnis die schlechten Erlebnisse ausblendet oder sie in vermeintlich witzige Episoden umdeutet, und am Ende schwelgt man in einer nostalgischen Euphorie, wie schön alles damals war.

Wir machten ein Foto am Tisch, ähnlich einem Foto, das früher einmal entstanden war. Damals saßen wir auch um einen Tisch herum in Ulis Kotten und fantasierten, wie wir noch bekannter werden könnten. Der Enthusiasmus der jungen Jahre, der keine Grenzen kennt, malt einem die unglaublichsten Möglichkeiten aus.

Gestärkt von Kaffee, Apfelkuchen und Schlagsahne, gingen wir zusammen in Ulis Musikkeller. Benni hatte die Idee, man könne ein Revival organisieren. Da war plötzlich die Flamme der Begeisterung, vielleicht jetzt eher ein kleines Lagerfeuer – wir schnappten uns die Instrumente, spielten Sweet Baby James und Fox on the Run und was wir sonst noch von früher im Gedächtnis hatten.

Vier Wochen später. Ein Anruf. Die Stimme seiner Lebensgefährtin – Uli sei zusammengebrochen. Plötzlicher Herzstillstand. Man versucht ihn zu reanimieren. Später, als sie nochmal anrief, herrschte diese Stille – sie schwebte über diesen Moment. So wie ein Musikstück, das zu Ende gespielt ist und verklingt. Der letzte Akkord schwebt noch im Raum, die Spannung des Stücks wirkt noch. Uli hatte es nicht geschafft.

Ich dachte an unser letztes Treffen zurück und an all die Erinnerungen, die damit zusammenhingen. Wie schnell alles vorbei sein kann. Das Heute hatte uns ein Geschenk bereitet, das wir vier in Ulis Keller genießen durften. Ein paar Songs, vielleicht fünfzehn Minuten war dieses letzte gemeinsame Heute lang. Es schloss sich hinter uns wie die Kellertür, als wir wieder nach oben in Ulis Wohnzimmer gingen.

Linsensuppe oder Banjo?

Eine Kneipe mit einem kleinen Saal. Vorne im Schankraum saßen viele jüngere Leute im Dunst von Zigarettenqualm an den Tischen und an den Tresen. Viel Gerede über Musik und Politik. Es war gerade die Zeit des deutschen Herbstes, der Arbeitgeberpräsident Schleyer war entführt, die RAF versuchte Geiseln freizupressen. Polizeikontrollen auf den Straßen, und wenn man aussah wie ein Sympathisant, konnte man sicher sein, dass man kontrolliert wurde. Die meisten hier sahen aus wie Sympathisanten. Auf mich wirkte es fast schon wie ein konspiratives Treffen. Ein Gitarrist, von dem ich meine ersten Anleitungen zum Gitarrespielen hatte, hatte mich auf diese Veranstaltung hingewiesen.

„Dat is echt knorke, da musse ma‘ kommen. Is‘ immer Freitachsabends inn’e Engelsburg.“, hatte er gesagt.

Ich schaute, ob er irgendwo bei den Leuten saß. Und tatsächlich, an einem Tisch mit drei weiteren saß er und spielte Doppelkopf.

„Hey Rüdiger, schön, dass’e gekommen bis‘. Muss’e da drüben in den Saal.“, sagte er und zeigte auf eine Tür neben dem Schankraum.

Am Eingang im angrenzenden Saal, hinter einem Tisch neben einer Stehlampe, saß eine ältere Frau. Mit ihrer rauen Stimme sprach sie mich an: „Na, Jüngelchen, wat wills du denn?“ Ich fragte brav, ob hier der Folk Club sei, und schaute mich im Saal um. Stühle waren im Halbkreis um eine imaginäre Bühne aufgestellt. Es roch nach Hochzeitsfeiern, Geburtstagen und Vereinssitzungen. Der Geruch von Nikotin und Schnaps hatte sich schon fest in die Holzvertäfelung eingefressen.

„Da biss’e hier richtich. Dann krieg’ich ’ne Mark von dir.“

Ich kramte nach einer Mark in meiner Hosentasche und bekam einen Stempel auf den Handrücken. Auf einem der letzten freien Plätze setzte ich mich. Dann sagte jemand die erste Band an – die Backyard Buskin Band. Und es war eine Offenbarung. Ein irre schnelles Banjo, Gitarre, Bass und Mandoline. Songs wie Old Home Place und die Moritat von Mackie Messer wechselten mit Instrumentalstücken. Banjo, das musste ich auch spielen, dachte ich. Dann sah ich ihn zum ersten Mal: Uli an der Mandoline, wie er Tico Tico spielte.

Plötzlich Gepolter im Schankraum, Gelächter und laute Begrüßungsrufe auf Englisch. Die Tür zum Saal wurde aufgerissen. Ein Mann mit einem Bart und zotteligen Haaren lugte herein und rief: „Hi Hilde!“ Alle drehten sich um, ein Raunen ging durch den Saal. Die ältere Frau lachte und hielt den Zeigefinger vor den Mund als sie den Zottel begrüßte.

In der Pause stürmten alle in den Schankraum. Die Theke war belegt und es wurde schwierig, etwas zu bestellen. Ich schaffte es, mir eine Cola und eine Frikadelle mit Senf zu bestellen. Eine Gruppe, die aussah, als käme sie von einem anderen Planeten, fing schon vor dem Tresen an zu singen. Eine Flasche Tullamore Dew stand neben ihnen auf dem Tresen. Die Pause war zu Ende und die fünf Typen, die im Schankraum für das ganze Spektakel gesorgt hatten, standen nun auf der Bühne – zusammen mit ihrer Flasche Tullamore Dew. Es brauchte keine Ansage mehr – das waren die Fureys. Auch wenn ich ihre Texte nicht verstand, so spürte ich, dass das, was sie sangen, aus tiefster Seele kam.

Ich machte mich auf den Weg nach Hause. Ich wohnte noch bei meiner Mutter. Es fuhr kein Bus mehr um diese Uhrzeit und so musste ich den langen Weg zu Fuß machen. Ich ging die Abkürzung über die Bahnschienen. In der Nacht fuhren keine Züge auf dieser Nebenstrecke. Um nicht im Schotterbett der Bahngleise zu laufen, musste man entweder auf den Schienen balancieren oder kleine Schritte auf den Schwellen machen. Der Rhythmus ging mir ins Blut über und fast wie in Trance klang mir noch dieses Lied in den Ohren – May We All Someday Meet Again: There are roads to where we’re going, Endless highways and dusty tracks… Bestand mein Leben bisher aus der grauen Tristesse einer Linsensuppe, hatte ich jetzt den Geschmack der weiten Welt auf der Zunge. Und ich wusste, ich brauchte ein Banjo.

Cripple Creek

Das Banjo bedeutete Freiheit für mich. Ich weiß nicht, vor welchem Gefängnis ich floh, aber das Banjo schien mir der Weg zu sein, um zu entkommen. Gleich nach dem Abend im Folk Club sprach ich alle Welt an, ob jemand ein Banjo verkauft. Nach der Schule traf man sich häufig noch bei Tchibo. Dort hing ein schwarzes Brett – so etwas wie heute Kleinanzeigen oder eBay im Internet. Eines Tages hing dort der Zettel. Es sollte der Schlüssel für die Tür sein, die mir bis dahin verschlossen war. Durch das Schlüsselloch hatte ich schon schauen dürfen, und an der Tür hatte ich gelauscht. Zu Hause nahm ich sofort den Hörer des Telefons in die Hand und wählte die Nummer. Es ging keiner ran. Erst am Abend hatte ich Glück, nachdem ich unzählige Male versucht hatte anzurufen. Das Banjo war noch da. Hundertfünfzig Mark sollte es kosten. So viel Geld hatte ich noch von meinem Ferienjob auf dem Konto. Das Banjo hatte ich dann. Eine Banjoschule von Pete Seeger hatte ich mir aus der Stadtbücherei ausgeliehen. Die war nicht sehr ergiebig, aber für Cripple Creek hat es gereicht. Jetzt musste ich nur noch wissen, wie es weitergehen sollte. Jeden Freitag ging es jetzt in den Folk Club und das Banjo hatte ich immer dabei, auch wenn ich es noch nicht spielen konnte. Aber es gab mir das Gefühl, dazuzugehören, zu dieser Gemeinschaft. Als ich dann den Banjospieler von der Backyard Buskin Band sah, Michael war sein Name, sprach ich ihn an und fragte, ob er mir darauf etwas zeigen könnte.

„Klar“, willigte er ein, „komm einfach morgen bei mir vorbei in die Steinstraße.“

Am Samstag war ich dann da. Der Banjospieler wohnte in einem Haus in der Stadtmitte. Es war das Haus, in dem auch Hilde wohnte, die Folkmutti, und mit ihr viele andere junge Leute und Musiker. Es waren auch immer wieder Musiker zu Besuch, wenn sie eine Tour machten und Auftritte im Ruhrgebiet hatten. Als ich ankam, suchte ich schon auf der Türklingel nach dem Namen, aber es gab keine Namen und die Haustür stand auf. Ich ging vorsichtig in den Hausflur und rief schüchtern „Hallo?“ in den Flur, mehr als Frage. Von oben hörte ich Stimmen. Ich ging die Treppe rauf und klopfte an die Wohnungstür, hinter der ich die Stimmen hörte. Ich hörte ein Schlurfen und jemand machte die Wohnungstür auf und ging weiter. Vorsichtig stieß ich die Wohnungstür auf und fragte hinein: „Wohnt hier der Michael?“

„Wer is’n da? Komm ma‘ rein“, war die prompte Antwort. Ich ging hinein und in der Küche saßen mehrere Personen um einen Küchentisch und spielten Karten. Hilde saß auch da, in einem Bademantel, Menthol-Zigaretten vor ihr auf dem Tisch und ein Aschenbecher, der schon überquoll.

„Hallo, ich wollte zum Michael.“, sagte ich.

„Ach du biss’es. Der is‘ unten. Muss’e Treppe wieder runter. Will’se gleich wat mitessen? Gibt Linsensuppe.“

Ich bedankte mich für die Einladung und verneinte. Ich wusste ja nicht, wie lange das Treffen mit dem Banjospieler dauern würde – und nach Linsensuppe war mir nicht. Nachdem ich die Treppe mit meinem Banjo wieder hinuntergegangen war, klopfte ich an die Tür, hinter der ich Michael vermutete. Die Tür wurde aufgemacht und Michael stand da.

„Ach da bist du ja, hast du es gefunden?“, eine Frage, die mehr eine Begrüßungsformel war, als dass sie eine Antwort erwarten ließ. In einem langgezogenen Zimmer standen unzählige Instrumente und Verstärkeranlagen. Dazwischen, neben Kabeln, Büchern und Heften, stand ein Bett.

„Ja, ich sollte doch vorbeikommen, weil du mir was auf dem Banjo zeigen wolltest.“, sagte ich und befürchtete schon, er habe unsere Verabredung vergessen.

„Ja klar, hast du schon was gelernt auf dem Banjo?“ Ich packte mein Banjo aus und stimmte das Instrument – eine Tätigkeit, die man bei einem Banjo immer machen muss. Ich spielte ihm Cripple Creek vor und er zeigte mir, wie Frailing richtig geht und wie das mit dem Picking funktioniert. Er empfahl mir noch die Banjoschule von Peter Wernick. Und so nahm dieser Samstagnachmittag seinen Lauf. Mit all diesen Eindrücken kehrte ich zurück nach Hause und anstatt mich alleine vor den Fernseher zu setzen und mir vielleicht eine Rudi-Carell-Show anzusehen – meine Mutter hatte nämlich Nachtschicht –, quälte ich die Nachbarn mit dem, was ich alles gelernt hatte, und ging anschließend mit dem Banjo zu Bett.

Hinterm Banjohorizont geht’s weiter

Der Freitag wurde mir heilig. Während die anderen Jungs aus meiner Klasse längst Freundinnen hatten und mit ihnen an den Wochenenden abhingen, war das Banjo meine ständige Begleitung bei diesen Konzertbesuchen. Eines Freitags sah ich eine Bluegrass-Band im Folkclub, die mein bisheriges Bild von dieser Musik richtig stellte – die Country Rambler aus Holland. Ihr Banjospieler hieß Lody. Ich sprach ihn an und spielte ihm Jesse James und Devil’s Dream vor, Stücke, die ich aus der Peter-Wernick-Schule gelernt hatte. Er lud mich ein, ihn einmal in Kampen zu besuchen – da könnte er mir noch mehr zeigen, wenn ich Lust hätte. Was für ein Vorschlag. Er würde mir etwas zeigen, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte. In den Herbstferien wollte ich los. Für mich war auch klar, wie ich dahinkommen sollte. Mit dem Daumen!

Ich studierte im Shell-Atlas, wo Kampen lag, und sagte meiner Mutter Bescheid, dass ich nach Holland wollte, zu einem Banjospieler. Dank Rudi Carell war Holland für meine Mutter kein fremdes Land, sondern ein Fernsehstudio mit Windmühlen und sympathischen, lustigen Menschen. Dass ich trampen wollte, verriet ich ihr nicht. Ich sagte nur, ich fahre mit dem Zug. Ich hatte noch meinen Jugendherbergsausweis aus den Sommerferien, als ich mit Freunden zusammen Inter-Rail gemacht hatte. In der Nähe von Apeldoorn gab es eine Jugendherberge – das sollte mein Tagesziel werden. Von dort aus würde ich bestimmt mit dem Bus nach Kampen kommen. Nachdem ich mich am nächsten Morgen mit meinem Banjo und einem kleinen Rucksack von meiner Mutter verabschiedet hatte, stellte ich mich an die Autobahnauffahrt und hielt den Daumen raus. Um durch das Wirrwarr der Ruhrgebietsautobahnen zu kommen, plante ich kleine Etappen. Zunächst auf die kleine Raststätte an der A40, also Richtung Essen. Schon nach kurzer Zeit hielt ein Wagen an, und der fuhr auch noch nach Essen. Trampen war zu dieser Zeit üblich. Obwohl die Älteren immer davor warnten – in den Zeitungen wurde darüber berichtet, wie junge Frauen verschwunden sind oder dass Autofahrer von Trampern ausgeraubt wurden –, so nutzten wir doch diese Form des Reisens, gerade unter uns „Folkies“, zu denen ich mich jetzt zählte. Kurze Zeit später war ich dann auf der Raststätte bei Bochum Wattenscheid. Von da aus wollte es nicht richtig weitergehen. Also sprach ich die Autofahrer direkt an den Zapfsäulen an. Schließlich sah ich ein Pärchen mit einem VW-Fridolin – ein Modell, welches die Deutsche Post einmal bei VW in Auftrag gegeben hatte und das nun neben Ente und R4 bei den Hippies und Freaks sehr beliebt war. Als ich sie ansprach, lächelte sie mich an.

„Fahrt ihr zufällig nach Apeldoorn?“, fragte ich.

„Ne, nach Apeldoorn nicht, aber nach Amsterdam – wenn du willst, kannst du gerne mitkommen“, lud sie mich mit dem hübschesten Lächeln ein, das man an einer Zapfsäule im Ruhrgebiet bekommen konnte.

Getrieben von meinem Banjoeifer blieben mir diese kleinen Geschenke des Lebens – wie dieses Lächeln – leider gänzlich verborgen, ich war nahezu blind dafür. Amsterdam ist Holland, dachte ich nur, und da wollte ich hin. Kurze Zeit später saß ich bei den beiden auf ihrer Matratze im Laderaum des Fridolins.

„Was willst du denn in Holland?“, fragte mich der Typ.

„Ach, ich will da einen Banjospieler besuchen“, antwortete ich und blickte dabei auf meine Banjotasche. Die Augen der Frau begannen zu leuchten und ein breites Grinsen ging über ihr Gesicht.

„Echt ey, hast du ein Banjo mit? Spiel doch mal was.“

„Ja, da ist ein Banjo drin. Aber ich habe gerade erst angefangen, Banjo zu spielen. Ich kann das noch nicht richtig.“

„Egal, lass mal hören“, forderte sie, und ihr Freund stimmte ihr zu und grinste mich ebenso über den Rückspiegel an.

Ich packte umständlich mein Banjo aus, kramte meine Fingerpicks aus meiner Hosentasche, stimmte das Banjo und spielte mein kleines Programm herunter: Cripple Creek, Devil’s Dream, Jesse James und Sailors Hornpipe. Der Fahrer rief laut: „Yiehhaaa!“, während seine Freundin den Rhythmus auf den Armaturen mitklopfte.

Sie kramte im Fußraum in einer Tasche, holte Zigarettenpapier heraus und ein Päckchen Drum. Und während ich gerade bei Sailors Hornpipe war, klebte sie drei Papiere zusammen, zwei längs, eins quer, und verteilte darauf den Tabak. Aus einem Döschen nahm sie einen kleinen dunkelbraunen Klumpen, der aussah wie ein Stückchen Lehm, steckte diesen auf eine Nadel und machte ihn mit dem Feuerzeug heiß. Dann verteilte sie etwas von dieser Substanz über den Tabak, indem sie es zwischen Zeigefinger und Daumen zerrieb. Sie rollte alles zusammen und verpackte anschließend Döschen, Tabak und Zigaretten wieder in der Tasche im Fußraum und zündete diese riesige „Zigarette“ an. Dann zog sie an der „Zigarette“, hielt den Atem an und blies eine riesige Qualmwolke aus.

Sie hielt mir die „Zigarette“ hin: „Hier, kannst du auch mal ziehen, ist schwarzer Afghane.“

Ich hatte zwar schon Zigaretten geraucht, aber ich war mir sicher, das musste Haschisch sein. Ich sagte: „Nein danke, ich rauche nicht.“

„Ach komm, versuch mal, ist gut“, sagte sie und blickte mich dabei wieder mit ihrem überaus gewinnenden Lächeln und den tiefbraunen Augen an.

„Ist das ein Joint?“, fragte ich, weil mir nichts Besseres einfiel, und beide begannen zu lachen.

„Kannst du ruhig dran ziehen, da passiert schon nichts“, beruhigte er mich. Ich nahm den Joint und zog einmal daran, versuchte es ihr gleich zu tun, indem ich den Qualm in meine Lunge aufsog und den Atem anhielt. Doch ich musste husten und hätte mir beinahe in die Hose gemacht. Ich gab ihr den Joint zurück. Beide lachten wieder, sie nahm noch einen Zug und reichte den Joint dann an ihren Freund.

„Hast du noch nie einen Joint geraucht?“, fragte sie.

„Ne“, antwortete ich verlegen.

„Kannst du auch was singen?“, fragte sie und berührte dabei mein Knie mit ihrer Hand. Ich war verlegen und wusste nicht wohin mit mir. „Spiel einfach nochmal von vorne, das war gut. Vor allem dieses eine Stück, whim da da dim daa“, forderte ihr Freund mich auf, und ich war froh, dass ich einen Auftrag hatte und mich der Berührung von ihr entziehen konnte. So spielte ich mein Programm wieder und wieder, und wir alle mussten ständig lachen, während sich das Innere des Fridolins immer mehr vernebelte.

Irgendwann fuhr er dann von der Autobahn herunter. „Wir sind gleich an der Grenze. Ich fahr besser über Land über die Grenze“, erklärte er, „da wird nicht so oft kontrolliert.“ Doch leider wurde auch am Grenzübergang auf der Landstraße kontrolliert und die Bundesbeamten sahen nicht so aus, als wenn sie Spaß verstünden. „Scheiße, versteck das Zeug“, sagte er zu ihr, und sie versuchte noch hektisch das Döschen unter ihrem Batikkleid zu verstecken.

Die Zollbeamten hielten uns an. Wir mussten alle aussteigen. Eine riesige Qualmwolke stieg zusammen mit uns aus dem Fridolin. Der Schäferhund eines Beamten klebte sofort am Hintern der Frau und bellte. Wir verbrachten den Rest des Vormittags auf dieser Zollstation. Ein älterer Beamter, der die Ausweise geprüft hatte, fragte mich, ob ich zu den beiden gehöre. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben, dann schaute er mich längere Zeit an und sagte schließlich: „Sieh zu, dass du Land gewinnst, und fahr mit dem Zug nach Hause.“

Da stand ich nun an einer Grenzstation mit meinem kleinen Rucksack und meinem Banjo, irgendwo in der flachen Landschaft zwischen Deutschland und Holland. Ich ging zu Fuß weiter, die Sonne kam gerade zwischen dem Nebel durch. Überall nur abgeerntete Felder und Kuhwiesen, gesäumt von Weiden – ihre Blätter leuchteten golden im Sonnenlicht. Der Nebel verzog sich und ich konnte ein Dorf sehen.

Ich hielt direkt darauf zu und ging über Feldwege, bis ich in dem kleinen Ort Beek ankam. Ich war in Holland, stellte ich fest, und ich hatte Hunger. In einer kleinen Bäckerei wollte ich ein Brötchen kaufen. Ich betrat die Bäckerei und schaute unschlüssig die Auslage an. Eine ältere Verkäuferin fragte mich: „Zo jongeman, wat wil je hebben?“ Ich verstand kein Wort, entschuldigte mich für meine fehlenden Sprachkenntnisse und zeigte auf ein Rosinenbrötchen. Irgendwie schwebte in mir ein unbehagliches Gefühl – dass ich ein Deutscher bin, dass meine Eltern so viel Mist gemacht haben in ihrer Jugend. Aber die Verkäuferin interessierte das nicht: „Ach, bist du aus Duitsland? Wat maakst du chanz alleen hier in diese Chechend?“ Ich sagte, dass ich nach Apeldoorn trampen wollte und am nächsten Tag einen Freund in Kampen besuchen wollte. Die Verkäuferin drehte sich um und rief zu einem Mann, der in der Ecke der Bäckerei an einem Stehtisch eine Zeitung las und dabei seinen Kaffee trank. Ich hatte ihn gar nicht bemerkt. „Hey Will, rij jij niet naar Apeldoorn? Je kan deze jongen toch meenemen.“ Der Mann schaute von der Zeitung hoch und blickte mich über den Rand seiner Brille an. „Ja natuurlijk, dat kan ik wel doen.“ Dann schaute die Verkäuferin mich an, blinzelte mir mit einem Auge zu und sagte: „Siehst’e, dann kannst’e mit Will fahren und bist heute noch in Apeldoorn.“

Kurz darauf saß ich zusammen mit Will in seinem LKW. Die Sonne hatte mittlerweile den Nebel ganz vertrieben und es war ein herrlicher Herbsttag.

„Ik bin Willem Heemskerk. Ond wie heißt du?“ Willem hielt mir seine riesige Hand hin und lächelte mit den weißesten Zähnen, die ich je gesehen hatte. Sein linker oberer Schneidzahn hatte eine goldene Krone. Ich reichte ihm meine Hand.

„Ich bin Rüdiger, äh, Rüdiger Gies. Vielen Dank, dass Sie mich mitnehmen.“

Er startete den Motor und blickte mich fragend an. „Gies sagst du? Hast du holländische Verwandte?“ Ich verneinte und fragte mich, wie er darauf kam – aber schüchtern wie ich war, sprach ich die Frage nicht aus.

„Wat will je denn in Apeldoorn?“, fragte Will, und ich erzählte ihm von meinem Vorhaben.

„Ah, ik hev ooch Muzijk gemaakt als ik so in deine Alter war. Wir sijn in de Dutch Swing College gegangen und da hab ik Klarinette gelernt. De Peter Schilperoort het mir dat beigebracht. Aber dat war verboten – wechen die Nazis. Wir mussten dat im Geheimen in Kellern maken. Dat war eine slimme Zeit.“

Ich hörte wie gebannt zu, während Will seinen LKW über die Landstraßen steuerte. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Das war verboten, Musik zu machen? Das gibt’s doch nicht.“

Will blickte mich kurz von der Seite an, nickte und sagte: „Weißt du, Rüüd, wir mussten uns verstecken. Es war gefährlich. Wenn sie dich erwischten, haben sie dich verhaftet. Dann musste man zum Arbeitsdienst naar Duitsland. Und wenn du Jude warst, kamst du direkt ins KZ. Aber bei Peter – wenn wir dar in de Keller zusammen saßen, da hebben wir alles vergessen. Da war die Angst wech. Peter war ein Geschenk für uns. Mit sin Muziek hat er uns alle angesteckt.“

Jetzt hatte ich meine Schüchternheit vergessen. Ich kannte dieses Gefühl – die Musik ließ einen alles vergessen. „Ja“, sagte ich, „das kenne ich, dieses Gefühl.“

„Das Leben macht dir jeden Tag ein Geschenk“, fuhr Will fort. „Es ist wie ein grote Buffet. Du kannst dir davon nehmen, was dir smekt. Jeder Tag, den du lebst, ist ein smakeliges Geschenk.“

Da war was dran, dachte ich. So qualvoll manche Tage waren – irgendwie war auch immer etwas dabei, was einen hoffen ließ.

Will erzählte weiter, dass er auch irgendwann zum Arbeitsdienst nach Deutschland sollte und er sich dann aber versteckt habe.

Dann fragte er plötzlich: „Hast du mal was von Jan Gies und Miep Gies gehört? Die haben den gleichen Namen wie du. Du heißt doch Gies?“ Ich bestätigte meinen Namen und sagte, dass ich nichts von den beiden gehört hätte. „Habt ihr denn in der Schule nicht das Tagebuch der Anne Frank gelesen?“, fragte er. Ich musste verneinen.

„Es gab damals im Untergrund ein Netzwerk und wir haben uns gegenseitig geholfen – versteckt in Kellern, in Schuppen, in Fabrikgebäuden. Der Vater von Anne Frank, Otto Frank, er war ein deutscher Emigrant. Er hatte eine Fabrik. Als die Deutschen kamen, konnte er sie nicht weiterführen, weil er Jude war. Jan und Miep haben ihm geholfen – sie haben mit anderen die Fabrik weitergeführt und Otto und seine Familie versteckt. Die Fabrik hat viele von uns ernährt und als Versteck gedient. Uns haben Jan und Miep auch geholfen: Lebensmittelkarten, Unterkünfte, Keller zum Musikmachen. Rüüd, es ist so wichtig, dass man Menschen an seiner Seite hat, denen man vertrauen kann.“

Wir schwiegen. Ich war berührt von seiner Geschichte und fühlte mich unwohl – denn ich war ja ein Deutscher. Die holländische Landschaft rauschte an uns vorbei.

Dann sagte Will: „Weißt du, man muss im Leben etwas wagen. Die Pflicht ist die Maske der Angst – man muss die Pflicht auch mal vergessen. Ihr Deutschen habt es ja so mit der Pflicht. Otto Frank – weißt du, was der gesagt hat, nachdem dieser Nazijäger Wiesenthal den Polizisten aufgespürt hatte, einen gewissen Silberbauer? Otto hat gesagt, er verzeihe diesem Mann. Der hätte ja nur seine Pflicht getan. Was sollte er denn anderes machen – das hätte ihn sonst sein Leben gekostet. Viel wichtiger war Otto, dass man die Verräter findet, die das Versteck gemeldet hatten.“

Wir Deutschen haben es so mit der Pflicht – das hallte in mir nach wie ein Echo. War ich pflichtbewusst? War ich auch so ein Deutscher?

Aber ehe ich diese Gedanken zu Ende denken konnte, fuhr Will schon fort: „Wenn man die Angst überwindet, bekommt man ein Geschenk – dann sieht man, was das Heute einem Neues anbietet. Ich habe in dieser Zeit meine Frau kennengelernt. Obwohl um uns alles so schrecklich war, so grausam – es war doch auch eine schöne Zeit. Rüüd, wo musst du denn hin in Apeldoorn? Wir sind bald da.“ Ich hatte mir die Adresse der Jugendherberge aufgeschrieben und nannte sie ihm. „Ach, dat is nit ganz op meine Wech, aber ich fahr dich da eben hin.“

Kurze Zeit später kamen wir bei der Jugendherberge an. Als ich Will die Hand zum Abschied gab, war es, als würde ich einem Freund Lebewohl sagen. Will hatte mir so viel mitgegeben – mein Kopf war voll von seinen Geschichten.

„Rüüd, pass op je op. Und denk daran: Heute ist immer.“ Ich stieg aus und schaute Will und seinem LKW nach.

Die Jugendherberge von Apeldoorn lag etwas außerhalb, umgeben von Bäumen – ein Bau in holländisch typischer Leichtbauweise. Ich meldete mich an und bekam ein Bett in einem Viererschlafraum. Ich verstaute meine Sachen – morgen sollte es gleich weitergehen. Ich hatte vor, die letzten Kilometer bis Kampen mit dem Zug zu fahren. Mit Lody hatte ich mich gegen Mittag verabredet.

Nach dem Abendessen setzte ich mich mit meinem Banjo unter einen Baum und wollte noch einmal die Stücke durchspielen, die ich für den Termin mit Lody vorbereitet hatte. Kurz darauf kamen zwei Mädchen – augenscheinlich Gäste der Jugendherberge – und setzten sich vor mich hin. Sie flüsterten miteinander und kicherten. Ich wurde nervös und unsicher. Ich lächelte verlegen und fragte, weil mir nichts Besseres einfiel: „Hallo, seid ihr auch hier in der Jugendherberge?“

Wieder kicherten die beiden und antworteten auf Französisch: „Je ne te comprends pas. Mais ça sonne drôle, ce que tu joues. Joue encore quelque chose.“

Mein Französisch war grottenschlecht, darum wechselte ich ins Englische, so wie ich es in der Schule gelernt hatte: „Hi, my name is Rüdiger, I’m from Germany. Where are you from?“

„Oh, I’m Suzanne and this is Christine. We’re from Belgium. We’re travelling through the Netherlands. Please play some more for us. You play well and it sounds beautiful.“

Wieder grinste ich verlegen und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte – denn Suzanne gefiel mir mit ihren langen roten Haaren, den Sommersprossen und den blauen Augen. Beide hatten diese typische Hippiekleidung an: Christine ein langes Kleid und Batikshirt, Suzanne Jeans, T-Shirt und Haarsträhnen mit bunten Schnüren verflochten.

Ich spielte mein Programm, das ich schon im Fridolin gespielt hatte. Nach jedem Stück klatschten die beiden Beifall. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und spielte noch Blackberry Blossom, das ich gerade erst gelernt hatte. Suzanne fragte mich, ob ich auch singen würde. Ich spielte noch einmal Jesse James – es war das einzige Lied auf dem Banjo, von dem ich zumindest die erste Strophe kannte. Ich schwitzte vor Verlegenheit und meine Stimme wurde ganz brüchig. Als ich zu Ende gespielt hatte, lächelte Suzanne mich an: „You have a beautiful voice. Can you show me how to play the banjo?“

Ich errötete vor Verlegenheit. Ich musste mich neben Suzanne auf den Boden setzen und gab ihr mein Banjo. Sie lächelte mich an und fragte, ob ich ihr den Gurt umlegen könnte. Ihre Freundin lachte, sagte etwas auf Französisch, stand auf und ging zurück in die Jugendherberge. Nun war ich mit Suzanne alleine. Mir war die Sache unangenehm, doch gleichzeitig spürte ich eine innere Spannung wie eine Neugierde, die mich nicht daran hinderte, näher an Suzanne zu rücken. Ich kniete mich hinter sie, führte ihren rechten Arm und zeigte ihr, dass man das Banjo nur anschlagen braucht und schon klingt ein G-Dur-Akkord. Sie lachte, und diesmal hatte ich das Gefühl, dass es Freude war – über den Klang und das Instrument. Dann zeigte ich ihr, wie man D7 greift, und hielt die Finger ihrer linken Hand, die mir so zerbrechlich schienen. Sie griff den Akkord, es kam nur ein Plopp aus dem Banjo. Ich korrigierte ihre Handhaltung, doch sie nahm meine Hand, zog mich an sich heran und küsste mich. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Doch ich erwiderte den Kuss – ich konnte ihre Haare riechen und ihren Körper spüren. Dann ließ sie sich ins Gras unter dem Baum fallen und zog mich mit sich, und während die Sonne langsam unterging, zeigte sie mir, wie man küsst – was zweifelsfrei einfacher war, als einen D7-Griff auf einem Banjo zu greifen.

Nachdem wir am Abend nach unzähligen Küssen jeder in seinen Schlafbereich gegangen waren, konnte ich zunächst nicht einschlafen. Ich war wie berauscht von dieser neuen Erfahrung. Es gab tatsächlich noch etwas im Leben, was über den Banjo-Horizont hinausging. Ich wollte mich mit Suzanne am nächsten Tag unbedingt verabreden, wenn ich aus Kampen zurück sein würde. Als ich am nächsten Morgen aufstand, suchte ich die beiden Freundinnen im Speisesaal vergeblich. Ich fragte nach, ob die beiden noch da seien, doch der Herbergsvater sagte mir, dass sie bereits ganz früh am Morgen abgereist seien. Enttäuscht von dieser Nachricht ging ich zurück auf das Zimmer, packte meine Sachen und machte mich mit dem nächsten Zug auf den Weg nach Kampen.

Im Zug dachte ich an Suzanne, an den Duft ihrer Haare und ihre Küsse auf meinen Lippen. Warum war sie einfach gefahren, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen? Ich konnte das nicht verstehen. Ich musste an die Worte von Will denken – jeder Tag ist ein Geschenk wie ein großes Buffet. War ich für sie nur ein Häppchen, das sie sich von diesem Buffet genommen hatte? Waren die Komplimente, die sie mir gemacht hatte, nur Schmeicheleien, um mein Herz zu öffnen? Ich begann zu zweifeln an dem, was das Leben als Geschenke bereithielt. Vielleicht musste man mit Bedacht auswählen, war mein Fazit.

Als ich in Kampen ankam, schaute ich auf den Stadtplan am Bahnhof und fragte mich zur Adresse von Lody durch. Er wohnte glücklicherweise im Ort und nicht außerhalb. Als ich in die enge Straße einbog, konnte ich schon das Banjo hören. Hier war ich richtig. Ich klingelte und Lody kam die Stiege herunter.

„Ah Rüdi, hast du es gefunden? Wie war deine Reise?“, fragte er mich und ließ mich eintreten. Oben in seiner Wohnung war seine Freundin. Sie hatte etwas zu Essen gemacht und wir setzten uns. Ich erzählte ein wenig von der Fahrt, von meinen Banjo-Fortschritten und vom Folk Club. Ich spielte ihm dann etwas vor und fragte ihn, wie man dieses oder jenes spielt, was ich auf Schallplatten oder im Radio gehört hatte. Wie begleitet man die Sänger, wie begleitet man die Fiddle? Er zeigte mir dann viel auf dem Banjo – die kompletten Geheimnisse des Banjospielens. Für ihn war J. D. Crowe der beste Banjospieler. Man sollte die Rolls auf dem Banjo wie J. D. Crowe immer auf der Zwei und der Vier betonen. Das übten wir dann die ganze Zeit. Er hatte mir die Banjoschule von Earl Scruggs kopiert. Dann schaute Lody sich mein Banjo an und empfahl mir, ein richtiges Banjo zu kaufen.

„Stelling Banjos sind im Moment die besten Banjos, die gebaut werden“, sagte er und drückte mir einen Katalog von Stelling in die Hand und eine Adresse eines Händlers aus Florida. Ich erzählte, dass ich gerne vom Banjospielen leben würde. Er sagte, ich solle erst mal die Schule zu Ende machen. Vom Banjospielen seien vielleicht gerade einmal eine Handvoll Musiker auf der ganzen Welt reich geworden. Die Zeit verging wie im Flug und als ich mich am Nachmittag verabschiedete und mich bei ihm und seiner Freundin bedankte, sagte mir Lody: „Rüdi, schön dass du so viel Spaß am Banjospielen hast, aber ich glaube nicht, dass du beim Banjo bleibst.“

Ich war etwas irritiert, denn für mich bestand kein Zweifel, dass die Zukunft der Musik dem Banjo gehören würde. Doch er sollte recht behalten.

Ich entschloss mich, mit dem Zug zurückzufahren. Ich wollte nicht noch einmal in einer Jugendherberge übernachten und trampen. Mit dem Zug fuhr ich zurück nach Apeldoorn und von da aus mit dem „Kifferexpress“ – so nannten wir die Zuglinie, die von Kassel bis Amsterdam fuhr – weiter bis nach Hause. An der Grenze stiegen noch die Zollbeamten ein, kontrollierten die Ausweise und fragten nach Drogen. Als würde jemand sagen, dass er Drogen bei sich hätte. Am Abend hielt der Zug zwischen Wattenscheid und Bochum auf freier Strecke. Ein Signal hatte einen Defekt und schließlich mussten alle Passagiere den Zug verlassen und unter Anleitung des Zugführers, der mit einer Laterne voranging, zu Fuß die Schienen entlang zurück zum Bahnhof Wattenscheid laufen. Ich rief von dort aus einer Telefonzelle meine Mutter an und sagte ihr, was passiert war, und ob sie mich abholen könnte. Eine junge Frau, die mit mir im Abteil gesessen hatte, fragte, ob sie mit nach Bochum könnte. Als meine Mutter dann kam, war ich ein wenig stolz, dass ich in Begleitung einer jungen Frau war. Ich fragte meine Mutter, ob sie einen kurzen Umweg über Bochum machen könnte. Ich glaube, meine Mutter war froh, dass ich heil wieder zurück war. So endete mein erstes Abenteuer, allein auf mich gestellt, das ich meiner Banjoleidenschaft zu verdanken hatte und das mir mehr zeigte als nur, wie man wie Earl Scruggs Banjo spielt.

Zu Hause angekommen machte ich mich ans Werk und studierte die Banjo-Bibel von Earl Scruggs. Unsere Nachbarn hatten die reinste Freude. Ich hatte auch zwei Gleichgesinnte gefunden, Guido – genannt Putte – an der Gitarre und Uwe an der Mandoline aus Hagen. Zu dritt übten wir die Stücke aus den Lehrbüchern und von Platten. Ich machte es so wie Lody gesagt hatte und beendete die Realschule und wechselte zum Gymnasium. Das Banjospielen war allerdings nicht unbedingt förderlich für meine Schullaufbahn. Nach der Schule verschwand ich in meinem Zimmer und spielte Banjo bis zum Abend. Gleichzeitig begann ein neues Interesse – die Bluesmusik. Ich begann Dobro zu spielen und sang Blues von Robert Johnson, Big Bill Broonzy, Blind Blake, Blind Willie McTell und wie sie noch alle hießen. Und ich begann mich für Jazz zu interessieren, für die Musik von Django Reinhardt. Der Musikgeschmack wechselte nicht, er kumulierte – wie ein wechselndes Wetter entstanden Vorlieben, die sich ergänzten statt abzulösen.

Doch dann gab eine Nachricht frischen Aufwind für meinen Banjoenthusiasmus. Mein verstorbener Vater hatte mir einen Sparvertrag hinterlassen, der zu meinem achtzehnten Geburtstag zur Auszahlung kommen sollte. Als ich neun Jahre alt war, verstarb er in Folge einer missglückten Herz-OP. Ich erinnerte mich an die Geschichte von Will. Mein Vater war ungefähr die gleiche Generation wie Will. Was hatte mein Vater in seiner Jugend gemacht? Wofür hatte er sich begeistert? Er war in Norwegen während der letzten Kriegsjahre. Ist er aus Pflicht mitmarschiert oder hatte er sich für die Sache begeistert? Alles Fragen, die unbeantwortet bleiben sollten. Der Vater-Sohn-Konflikt, so wie ich ihn bei manchen meiner Schulfreunde mitbekam, blieb mir gänzlich versagt. Mein Vater hatte mir keine Antworten hinterlassen – nur diesen Sparvertrag. Etwas Konkretes, über das ich frei verfügen konnte.

Ich kramte den Stelling-Katalog aus, den mir Lody gegeben hatte. Uwe wollte auch eine neue Mandoline und so bestellten wir zusammen ein Stelling Banjo und eine Unicorn Mandoline in den USA. Sechs Wochen später war es dann so weit. Die Nachricht vom Zoll aus Frankfurt war da und wir fuhren zusammen mit Uwes R4 nach Frankfurt und holten dort unsere Instrumente ab. Ich weiß noch genau, wie wir, nachdem wir die Instrumente vom Zoll in Frankfurt in Empfang genommen hatten, die erste Raststätte anfuhren, um dort die Instrumente auszuprobieren. Der Geruch, der aus dem Instrumentenkoffer kommt, wenn man zum ersten Mal den Deckel aufmacht – ich kann heute sagen, ich erkenne ein Gibson-Banjo oder ein Stelling-Banjo, eine Martin-Gitarre oder eine Gibson-Gitarre am Geruch. Wir saßen da auf dieser Raststätte und spielten unsere Tunes. Einige Leute blieben stehen und hörten zu.

Eines Tages dann die Nachricht im Folkclub: Die Backyard Buskin Band hat sich aufgelöst. Als ich irgendwann eines Samstags Uli, den Mandolinenspieler von der Backyard Buskin Band, mit seiner Frau in der Einkaufsstraße unserer Stadt sah, sprach ich ihn an, ob er Lust hätte, zusammen mit mir zu jammen.

„Klar, das können wir machen. Komm doch nächste Woche einfach mal vorbei. Montag ist gut.“, sagte er, und ich war begeistert. Vielleicht würde sich daraus etwas ergeben – eine neue Band, ein Schritt in die Richtung, mit Musik sein Geld zu verdienen.

Das erste Treffen war dann die Offenbarung. Wir spielten bis zum Abend zusammen. Uli fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen etwas zu machen. Es kam eins zum anderen. Es entstand eine musikalische Freundschaft. So trafen wir uns dann regelmäßig und arbeiteten an einem Programm.

Stadtteilladen, Kohleofen und Nierentisch

Uli sagte nur: „Dat schaffs’e schon. Wir krieg’n zweihundert Mark, is’n Stadtteilladen in Bochum.“ In Stadtteilläden kaufte man nichts, man bekam etwas umsonst – Gemeinschaft. Es war ein trüber Novemberabend. Wir brauchten nur unsere Instrumente, Uli seine Gitarre und Mandoline und ich mein neues Stelling Fivestring-Banjo und Gitarre. Ich war aufgeregt – würde mein Dear Old Dixie klappen, so wie ich es von der Platte heruntergehört hatte?

Der Stadtteilladen war ein altes Ladenlokal. Wohnzimmeratmosphäre, alte Sperrmüllsofas und Stühle bunt gemischt, Stehlampen, Nierentischchen. Die, die keinen Platz auf den Möbeln hatten, saßen auf dem Boden, der mit alten Perserteppichen ausgelegt war. Geheizt wurde dort mit einem Kohleofen. Jüngere und Ältere, eben Nachbarschaft, saßen dicht beisammen und rauchten Selbstgedrehte, Roth-Händle oder Gauloises und tranken Flaschenbier, Wein oder Tee. Im Hintergrund röchelte noch eine Kaffeemaschine. Draußen regnete es und der Regen schlug gegen die Schaufensterscheibe. Wenn jemand hereinkam in seinem Ostfriesennerz oder Norwegerpullover, ging ein „Psst“ durch das Publikum, man rückte noch näher zusammen und machte Platz. Wir spielten ohne Verstärker und das ging, weil die Leute zuhörten. Und durch das Zuhören entstand diese Spannung, die mein Herz bis in den Hals schlagen ließ. Uli war souverän, er hatte schon unzählige Auftritte hinter sich und gab mir Sicherheit.

Dann Dear Old Dixie. Höllentempo, aber es klappte. Die letzten drei Töne – Stille, Applaus. Und die Leute wollten Zugabe. Als ich am Ende noch die hundert Mark in der Hand hielt, wusste ich, ich wollte nichts anderes mehr machen als diese Musik. Doch jeder Tag ist anders und morgen sollte ein anderes Heute sein.

Nach diesem und ein paar weiteren Auftritten auch im Folkclub stand fest, wir würden eine neue Band gründen. Zunächst machten wir ein paar Proben noch unter dem Namen Backyard Buskin Band mit Tom an der Gitarre, Uli an der Mandoline, ich glaube einem Jockel am Bass und ich am Banjo. Doch die Formation hielt nicht lange, obwohl ich ein Fan von Tom und seinen Liedern war. Er schrieb Songs wie „Wir gehen runter zum Park“ oder „Wenn ich an der Wupper schnupper“, die später durch Stefan Stoppok bekannt wurden.

Uli schlug mir vor, zu ihm und Anke, seiner Frau, in den Kotten zu ziehen. „Da können wa‘ den ganzen Tag Musik machen!“, war sein Versprechen. Der Vorschlag fühlte sich gut an – weg von zu Hause, dem Zusammenleben mit meiner Mutter, dem kleinen Jugendzimmer. Meine Mutter war zwar erst nicht begeistert, stimmte dann aber zu, vor allem weil ich nicht alleine war, und die Zeit der Kindheit und frühen Jugend war vorbei. Ich zog bei Uli und Anke ein. Ich ging zwar auch noch zur Schule und kämpfte mich am Abitur ab, doch irgendwann hörte ich, dass man ohne Abitur Musik studieren könnte. So begann ich Unterricht für klassische Gitarre zu nehmen. Gleichzeitig spielte ich in mehreren Bands mit. Es gab die Mixed Pickles mit Wolfgang, Ute und Johannes, die auch Bluegrass und Folk machten. Dort hatte ich die Möglichkeit, alle Stücke auf dem Banjo, die ich mit Uli spielte, langsamer zu spielen. Ich gründete mit dem Geiger Hanno, einem Schulfreund, und Pit die Blues-Band „Rüdiger Gies & Friends“. Ich spielte zusammen mit Hanno auch als Duo Jazzstandards, und in der Formation „Losrock“ spielten wir zusammen mit Jule und Elke deutsche Folksongs und Vertonungen von Kästner und Tucholsky.

Mit Uli suchten wir weiter einen Bassisten und einen Gitarristen. Mit Stephan an der Gitarre waren wir zu dritt und später kam noch Benni am Bass dazu. Die erste Band stand – das Ardey Quartett, benannt nach dem Ardeygebirge, was eigentlich nur ein Höhenzug war, der Sauerland und Ruhrgebiet verband, und in der Hoffnung, mit der Ardeyquelle, einem Getränkehersteller, einen Werbevertrag zu bekommen. Wir spielten traditionelle Bluegrass-Songs, Rockhits wie „So Happy Together“ oder „Pinball Wizard“, aber auch Gedichtvertonungen von Erich Kästner oder eigene Kompositionen von mir wie „La Röchel“. Es folgten Auftritte durch Clubs, Jugendzentren, Stadtfeste und Kneipen in ganz Westdeutschland. Eine Tour durch Süddeutschland und die Schweiz folgte. Es kamen Anfragen als Banjospieler – einmal für einen Film in der Produktion „Schnelles Geld“ von Raimund Koplin und Renate Stegmüller oder für eine Schallplattenproduktion von Ray Austin: „Elevenses“.

Doch etwas lastete auf meiner Seele wie ein schwerer Stein. Im geborgenen Zuhause bei meiner Mutter fiel es mir nie auf. Eine Unruhe war in mir und hinderte mich, die neugewonnene Freiheit zu genießen. Zum Ende meiner Kindheit war mein Vater verstorben und irgendwie hatte ich das nie überwunden. Ein Zeichen von Menschen mit traumatischen Erlebnissen ist unter anderem ihre Rastlosigkeit – die unbewusste Wiederholung von Verhaltensweisen, das erneute Inszenieren des Traumas. Meine Beziehungen hatten nicht lange gehalten, Bands wurden beendet, es fehlte die Beständigkeit. Zu dieser Zeit fragte Uli, ob ich einen Hund nehmen würde. Seine beiden Hunde Strolch und Tina hatten Junge bekommen. Er verstand es mal wieder, mir etwas aufzureden, an das ich vorher nie gedacht hätte. Als unsere Familie in Folge des Todes meines Vaters zerbrach, hatten wir kurze Zeit vorher einen Hund bekommen. Jasper unser Basset. Vielleicht rannte er deswegen bei mir offene Türen ein. Und so hatte er mir einen Hund aus diesem Wurf zu überlassen, obwohl ich eigentlich genug mit mir selbst zu tun hatte. Ich nannte ihn Eddie. Er wurde zu meinem Schatten – überall wo ich war, war auch Eddie. Er klebte an meinen Fersen. Er war vielleicht neben der Musik das einzige Beständige in meinem Leben.

Dann kam der Tag, an dem der Vermieter des Kotten, in dem wir wohnten, mit der WG-Form, in der wir lebten, nicht einverstanden war. Ich musste ausziehen. Ich suchte für mich und Eddie eine neue Wohnung, zurück nach Hause zu meiner Mutter konnte ich nicht, denn die war gerade erst selbst in eine kleinere Wohnung gezogen. Die Schule, zu der ich damals noch ging und zu der mich Eddie auch begleitete, brach ich ab. Letztlich war das Verbot, den Hund noch weiterhin mit in die Schule zu nehmen und mangelnde Erfolgserlebnisse, was den Ausschlag gab.

Ein kleiner Autounfall, den ich verursachte, stürzte mich in Schulden. Ich stieg aus dem Ardey Quartett aus, verkaufte das Banjo, beglich die Schulden, kündigte die neue Wohnung. Mit Tom, den ich über Uli kennengelernt hatte, tingelte ich dann durch Frankreich. So trennten sich die Wege von mir und Uli.

Da stand ich nun mit dem Telefonhörer in der Hand – und der Nachricht, dass Uli gestorben war. Der Moment in Ulis Keller, der Rückblick und das gemeinsame Genießen des Musikmachens mit Uli – es war ein Geschenk, ein Häppchen von dem Buffet des Lebens. Die Nachricht von Ulis Tod war das Heute, das mir zeigte, dass nur der Moment zählt und man sich entscheiden muss, was man von dem Buffet nimmt. Hat man es genommen, bleibt nur die Erinnerung an den Geschmack.

Ich sagte zu Steffi, dass mir das alles unendlich leid tut und dass das unfassbar ist. Wenn sie Hilfe bräuchte, wären wir sofort bei ihr. Die Zeit mit Uli war ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben. Uli hatte eine Gabe. Er hatte es verstanden, ein Feuer zu entfachen. Er war ein Pfadfinder, der die Fähigkeiten eines Menschen freilegen konnte. Er hatte in uns Dreien diese Begeisterung für die Musik entzündet. Den Weg danach hat jeder von uns alleine gefunden. Mir hat die Musik durch die schwersten Krisen meines Lebens geholfen.

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