Der Unfall

Prelude

Der Motor sprang erst beim zweiten Versuch an, als hätte auch er sich zu diesem Januarmorgen überreden lassen müssen. Die Kälte stand in den Fugen des Wagens, in den Gummidichtungen, im Atem, der beim Sprechen sichtbar wurde und sich in dünnen Schlieren an die Scheibe legte. Sie wartete, bis die Drehzahl sich beruhigte, bis aus dem Radio ein gleichmäßiges Rauschen kam, das irgendwann zur Stimme eines Sprechers werden würde. Dann löste sie die Handbremse und rollte an.

Die Straße vor dem Dorf war geräumt, die Ränder hochgeschoben zu schmutzigen Wällen. Auf den Feldern lag Schnee, glatt und unberührt, als hätte jemand ein Tuch über die Landschaft gezogen. Es fiel nichts; der Himmel war hell, nicht freundlich, eher indifferent. Die Fahrbahn dagegen war nass, stellenweise glänzend und die Spuren der Räumfahrzeuge waren noch als breite, matte Streifen zu sehen.

Die beiden Mädchen waren bei den Großeltern geblieben – die Jüngere vierzehn, die Ältere neunzehn. Den Jungen hatte sie mitgenommen. Er saß hinten, die Beine leicht angezogen, weil die Rückbank wenig Platz ließ. Er hatte den Autoatlas auf den Knien, der an den Kanten schon weich geworden war. Eine Ecke war eingerissen und mit Klebeband geflickt. Er hielt ihn mit beiden Händen fest, als könnte ein Schlagloch ihm die Karte entreißen.

„Da kommt gleich ein Dreieck“, sagte er, ohne aufzusehen.

Sie sah in den Rückspiegel. Sein Gesicht war ernst, konzentriert, so wie es früher war, wenn er mit dem Vater zusammen an irgendeiner Zeichnung gesessen hatte, die zu groß war für den Küchentisch. Als sie Windvögel bauten, einer größer als der andere und sie die Bezüge nähen musste.

„Achtung… Kurve“, ergänzte er und klappte den Atlas ein Stück weiter auf, damit die Falz nicht wieder zurücksprang.

Sie nickte, als wäre das eine Information, die sie brauchte. In Wahrheit war es das Geräusch seiner Stimme, das sie brauchte. Etwas im Wagen, das nicht aus Motor, Reifen und Wind bestand.

Der Tod ihres Mannes hatte das Gefühl aus der Welt genommen. Nicht schlagartig, nicht als Drama, sondern als stetige Verschiebung: Dinge, die vorher selbstverständlich gewesen waren – Lohn am Monatsende, Miete, ein Plan –, waren plötzlich Bedingungen geworden, die man erfüllen musste, ohne zu wissen womit. Er war Ingenieur gewesen, hatte in Zahlen gedacht, in Funktionen, in Lösungen. Dann kam der Anruf: die Sätze, die sich nicht wiederholen ließen, weil sie nichts erklärten und alles beendeten.

Sie hatte später die Unterlagen sortiert: Ordner, Briefe, Verträge, Mahnungen. Der Nachlass war kein Erbe gewesen, sondern ein Haufen offener Enden. Schulden, die auf seinen Namen liefen und in der Wirklichkeit auf ihrem lasteten. Ein Kredit für etwas, das sie nie richtig verstanden hatte. Eine Bürgschaft, von der sie erst erfuhr, als jemand vor der Tür stand. Dann die fehlende Krankenversicherung, die Rechnung für die Operation. Und dann, zwischen allem, die Sache mit dem Patent.

Es war der einzige Gegenstand in dieser Bilanz gewesen, der nicht nach Verlust roch. Ein Blatt Papier, ein Stempel, eine Nummer. Eine Idee, die er gehabt hatte, lange bevor er krank wurde. Er hatte manchmal davon gesprochen, fast nebenbei, als wäre es etwas, das sich irgendwann von selbst auszahlen würde. „Wenn das kommt“, hatte er gesagt, „dann sind wir durch.“

Durch. Als gäbe es eine Linie, hinter der das Leben wieder leicht wäre.

Jetzt saß sie am Steuer und dachte an dieses Wort, als wäre es eine Lüge, die jemand ihr in die Hand gedrückt hatte, damit sie ruhig blieb.

Sie fuhr in die alte Heimatstadt, weil sie dort noch jemanden kannte, der den Namen ihres Mannes kannte. Weil es dort die Firma gab, in der er gearbeitet hatte. Weil es dort Akten geben musste, Spuren, Ansprechpartner. Sie hatte sich an diese Möglichkeit gehängt, nicht aus Hoffnung im romantischen Sinn, sondern aus Notwendigkeit. Ein Rettungsanker, wie man sagte, wenn man einen Begriff brauchte, der weniger peinlich war als Betteln.

Wenn es Erlöse gab – auch nur einen Teil –, könnte sie den größten Brocken der Schulden abtragen. Die Bank beruhigen. Die Drohbriefe abstellen, die sich stapelten wie Schnee, der immer wieder fällt, auch wenn man ihn wegschiebt. Vielleicht könnten sie dann aus dem Zimmer bei den Großeltern heraus, vielleicht könnte sie wieder etwas mieten, eine kleine Wohnung, zwei Zimmer, eine Küche, ein Flur, der nicht nach fremdem Leben roch. Die Älteste würde sowieso ausziehen und studieren. Und mit dem Jungen und der jüngeren Tochter bräuchte sie keine große Wohnung. Sie hatte nicht einmal das Bedürfnis nach Komfort. Sie wollte nur eine Tür, die sie schließen konnte.

Der Junge drehte sich leicht, als wollte er etwas fragen, und schaute dann wieder auf die Karte.

„Wenn wir da sind“, sagte er, „ist das dann die Stadt, wo Papa…?“

Er ließ den Satz offen. Er sagte nicht „gestorben“, weil das Wort sich im Mund anfühlte wie etwas Verbotenes. Sie merkte, wie sie die Hände fester um das Lenkrad schloss, ohne dass es nötig war.

„Da hat er gearbeitet“, sagte sie. Sie wählte die Formulierung, die das Loch im Satz umging.

„Und kann ich da auch zu meinem alten Freund?“

„Ja.“

Sie suchte in sich nach einem Bild, das nicht schmerzte. Früher, als sie zu fünft gefahren waren, hatte der Vater auf dem Beifahrersitz gesessen, hatte Schilder kommentiert, als wären sie Teil einer privaten Geschichte: hier die Abfahrt, dort die Brücke, dort der Wald. Jetzt war sie allein mit dem Lenkrad, und jeder Kilometer war eine Art Beweis, dass es keinen Platz mehr gab, den man an den Vater delegieren konnte.

Er beugte sich wieder über den Atlas. Seine Lippen bewegten sich, als würde er die Ortsnamen lautlos lesen. Dann zog er eine kleine Linie mit dem Finger nach, über eine Straße, die auf dem Papier gerade war und in der Wirklichkeit durch Täler und Kurven laufen musste.

Sie hörte das monotone Klacken des Blinkers, als sie überholte, und stellte ihn ab. Die Heizung begann langsam warme Luft zu liefern, die nach Staub roch, der sich auf dem Heizkörper gesammelt hatte. Die Scheibe beschlug weniger. Die Welt außerhalb blieb kalt und klar.

Sie dachte an den Abend, der vor ihr lag. An Fragen, die sie stellen würde. An Antworten, die sie vielleicht nicht hören wollte. Sie dachte an die Art, wie Männer in Büros sich hinter Akten verstecken konnten, hinter Zuständigkeiten, hinter einem „Da kann ich Ihnen nicht helfen“. Sie hatte gelernt, dass man Beharrlichkeit brauchte, nicht Würde. Dass man keine Sätze wie „Entschuldigen Sie“ verschwenden durfte. Dass man einen Namen brauchte, einen Termin, eine Nummer, etwas, das die eigene Existenz in den Augen anderer legitim machte.

Der Junge sagte wieder: „Da vorne ist ein rundes Schild. Fünfzig.“

Sie nahm den Fuß vom Gas.

In der Rückspiegelkante sah sie sein Gesicht. Es war konzentriert und ruhig. Er war beschäftigt. Er war, auf seine Weise, nützlich. Er gab der Fahrt eine Ordnung, die sie selbst nicht mehr herstellen konnte.

Sie ließ den Wagen laufen, gleichmäßig, und hielt sich an diese Ordnung, weil sie sonst nur das andere gehabt hätte: die Bilanz in ihrem Kopf, die Zahlen ohne Lösung, die Tatsache, dass sie mit jedem Kilometer weiter in eine Stadt fuhr, in der ihr Mann noch als Name existierte, aber nicht mehr als Mensch.

Und sie fuhr weiter, weil es im Moment nichts anderes gab, was sie tun konnte.

Sie fuhr langsam durch die Straßen der alten Heimatstadt. Der Junge kannte sie alle. Die Straßen seiner Kindheit. Sie hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt. Und für ihn waren sie immer noch gegenwärtig, mit allen Erinnerungen. Sie kamen an ihrem alten Wohnhaus vorbei. „Da, da haben wir gewohnt“, rief er und wäre am liebsten ausgestiegen. Dann kamen sie in den Vorort.

„Hier“, sagte er.

Sie nickte und stellte den Wagen vor einem Einfamilienhaus ab. Der Freund öffnete selbst. Er war genauso alt. Sie strahlten beide. Die Monate, die vergangen waren, waren vergessen. Es war, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie sich gesehen hätten.

„Und, was hast du zu Weihnachten gekriegt?“

Hinter ihm tauchte die Mutter des Freundes auf, wischte sich die Hände an der Schürze ab und lächelte so freundlich, dass es fast weh tat.

„Na, da bist du ja“, sagte sie zum Jungen, als wäre es nichts Besonderes, als wäre es selbstverständlich, dass er hierhergehörte.

Er zog die Schultern hoch und lächelte kurz. Dann verschwand er mit dem Freund in das Zimmer hinein, um zu sehen, was es zur Bescherung gegeben hatte.

Die Mutter blieb einen Moment auf einen Kaffee. Beileidsbekundungen, Mitgefühl. Sie erklärte nicht viel. Sie gab eine Uhrzeit für den nächsten Tag, sagte „Danke“. In ihrem Kopf lief parallel eine Liste: Behörden, Telefon, Adressen, Namen, die sie sich auf einen Zettel geschrieben hatte, der in ihrer Manteltasche raschelte, wenn sie sich bewegte.

Sie ging wieder hinaus. Die Kälte schlug ihr ins Gesicht, als hätte jemand eine Tür vor ihr zugeschlagen. Sie setzte sich ins Auto, ließ den Motor laufen, weil sie ihn sonst später womöglich nicht mehr gestartet bekam, und fuhr los.

Sie erledigte Dinge. Das war das Wort, das man wählte, wenn man nicht sagen wollte, dass man um Hilfe bat. Sie telefonierte von einer Zelle aus, Münzen in der Hand, die Finger klamm, und hörte Sätze, die nach Zuständigkeit klangen und sich am Ende immer in derselben Form verflüchtigten: „Da kann ich Ihnen nichts versprechen.“ Sie schrieb Namen auf, strich sie wieder durch. Sie lief Treppen hoch, Treppen runter. Als sie am Nachmittag kurz im Auto saß, waren ihre Beine schwer, als hätte sie Blei an den Füßen.

Bei ehemaligen Nachbarn hatte sie sich verabredet und übernachtete dort.

Am nächsten Tag holte sie den Sohn ab, früher als vereinbart, weil sie nicht wusste, wohin mit der Zeit. Der Junge kam mit dem Freund die Treppe herunter, schneller, als hätte er Angst, sie könnte ihre Meinung ändern und ihn da lassen. Im Flur stand die Mutter des Freundes und hielt eine Tüte mit belegten Broten und Süßigkeiten hin.

„Für unterwegs“, sagte sie.

Die Mutter nahm sie an, als sei es eine formelle Übergabe. Sie sagte wieder „Danke“. Der Junge zog seine Jacke zu, der Reißverschluss klemmte kurz, dann ging er.

„Bis dann“, sagte der Freund.

„Ja“, sagte der Junge. Er winkte nicht. Er nickte nur, ein kurzes, ernstes Nicken, das nicht zu seinem Alter passte.

Sie sah, wie er sich umdrehte und ging, und sie dachte – ohne Pathos, ohne das Bedürfnis, es zu markieren –, dass dieses „bis dann“ wahrscheinlich nicht eintreffen würde. Nicht, weil jemand es verbot, sondern weil das Leben mit Geldmangel und Abhängigkeit keine Wiederholungen garantiert. Weil man Wege nicht zurückfährt, wenn man sie nur gefahren ist, um zu überleben.

Der Wagen lief wieder in die Landschaft hinaus. Hinter der Stadt wurden die Straßen schmaler, die Ränder höher, die Schneewälle sauberer. Der Pfälzer Wald zog sie hinein wie ein dunkler Tunnel aus Stämmen. Die Luft wurde klarer, zugleich kälter. Die Heizung arbeitete gegen etwas an, das nicht nachließ. Der Junge saß hinten und aß eines der Brote, langsam, sorgfältig, als wäre es wichtig, keine Krümel zu verlieren.

„Wo fahren wir hin?“, fragte er irgendwann.

„Zu einem Kollegen von Papa“, sagte sie.

Das Haus des Arbeitskollegen lag außerhalb, ein kleines Anwesen am Rand einer Siedlung, dahinter sofort Wald. Die Zufahrt war schon am Nachmittag weiß gepudert. Der Kollege war ein Mann um die fünfzig, breitschultrig, mit einem Gesicht, das zu oft gegen Wind und Arbeit geguckt hatte. Er begrüßte sie höflich, aber vorsichtig, als hätte er lange darüber nachgedacht, wie man jemanden empfängt, der von einem etwas will, das man vielleicht nicht geben kann.

Drinnen war es warm, nicht gemütlich. Ein Ofen bollerte, die Wärme lag in Schichten in den Zimmern.

Beim Abendessen redeten sie über Schnee, der wiederkommen sollte. Über die Straße, die man morgen vielleicht nicht so leicht nehmen könne. Über den Jungen, der in der Schule gut sei, sagte die Mutter, obwohl sie es gerade nicht wusste, weil sie seit Wochen kaum noch mitbekam, was er tat. Der Kollege nickte, stellte Fragen, antwortete kurz. Irgendwann gähnte der Junge, der Kopf sackte ihm nach vorn, und die Frau führte ihn nach oben. Der Junge bekam ein Bett in einem kleinen Raum unterm Dach, in dem es nach Holz und kaltem Stoff roch. Sie ging zurück. Als die Schritte auf der Treppe verklungen waren, wurde es still, wie es nur still wird, wenn man plötzlich nicht mehr für ein Kind sprechen muss.

Oben lag der Junge im Bett. Die Decke kratzte. Er hielt die Augen offen, weil die Stille nicht stimmte. In einem fremden Haus klingt jede Bewegung anders. Jeder Schritt unten klang zu deutlich, jedes Räuspern wie eine Nachricht.

Er verstand nicht jedes Wort, aber er verstand genug: dass etwas zu Ende war, das sie hergetragen hatte wie eine Hoffnung, die man sich nicht leisten darf.

„Ich sag’s gleich“, begann der Arbeitskollege. „Ich weiß nicht, was man Ihnen erzählt hat.“

Sie hielt den Blick auf ihn, ohne zu blinzeln. Sie spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog, als hätte ihr Körper den Satz schon verstanden, bevor er ausgesprochen war.

„Die Pumpe“, sagte er und räusperte sich. „Die war gut. Ihr Mann war gut. Aber…“ Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als würde er etwas Unsichtbares beiseiteschieben. „Es ist nicht in die Serie gegangen. Es gab Prototypen, ja. Es gab Gespräche. Dann kam die Entscheidung. Andere Prioritäten. Zu teuer. Zu riskant.“

„Und das Patent?“, fragte sie, weil sie den Satz brauchte, weil sie etwas brauchte, woran sie noch ziehen konnte.

Der Kollege schüttelte den Kopf. Nicht entschuldigend, nicht hart. Nur faktisch.

„Ohne Produktion keine Erlöse. Ohne Lizenz keine Zahlungen. Es ist…“ Er suchte nach einem Ausdruck, der sie nicht verletzen sollte, und gerade das machte ihn gefährlich. „Es ist nichts zu erwarten.“

Sie sagte erst nichts. Sie saß gerade, die Hände im Schoß, als würde sie sich zusammenhalten, damit nichts herausfällt.

„Ich kann nicht mehr“, sagte sie leise. Es war nicht dramatisch. Es war die Wahrheit, die man sagt, wenn man aufgehört hat, sich zu beschützen.

Der Kollege sah zur Seite, als dürfte er sie in diesem Moment nicht anschauen.

Später, als der Ofen nur noch knisterte und das Haus in seine Nachtgeräusche fiel, lag die Mutter in ihrem Bett in dem Zimmer unter dem Dach. Draußen begann es zu schneien.

Der Junge hörte ihren Atem, die Pausen, das leise Schluchzen, das sie zu verbergen versuchte und das gerade dadurch größer wurde.

Draußen fiel der Schnee die ganze Nacht, schwer und ohne Unterbrechung. Er legte sich über Wege und Pläne, als hätte er die Aufgabe, alles zu bedecken, was am Tag sichtbar geworden war.

Am Morgen war die Welt zugeschneit, als hätte die Nacht nicht nur die Landschaft, sondern auch jedes Geräusch zugedeckt. Der Hof vor dem Haus des ehemaligen Kollegen lag unter einer dicken, glatten Schicht, in der die Fußspuren sofort wieder weich wurden. Der Mann stand bereits draußen, die Mütze tief in die Stirn gezogen, und schob mit der Schaufel einen Weg frei. Schnee knirschte, Metall schabte auf Stein. Der Atem hing kurz in der Luft und zerfiel.

Der alte Opel Rekord stand da wie ein Tier, das man aus dem Stall zerrt. Schnee lag auf der Haube, auf dem Dach, in der Kante der Windschutzscheibe. Der Kollege kratzte, schlug Eis ab, setzte den Besen an, als könnte man mit genügend Bewegung auch das Geschehene der letzten Nacht wegwischen.

Die Mutter und der Sohn verabschiedeten sich von dem ehemaligen Kollegen des Vaters und seiner Frau. Sie wünschten ihnen alles Gute und viel Kraft für die Zeit, die noch kommen würde.

Die Mutter setzte sich hinter das Lenkrad. Die roten Sitzpolster waren hart vor Kälte. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte. Der Anlasser orgelte, ein müdes, kratziges Geräusch. Nichts. Noch einmal. Wieder dieses Rattern, dann ein kurzes Husten, als würde der Motor sich räuspern. Beim dritten Versuch kam er, unwillig, mit einem heiseren Aufheulen, und lief dann in einem ungleichmäßigen Takt, als müsste er erst wieder lernen, dass er heute gebraucht wurde.

Der Junge saß im dicken Wintermantel auf dem Beifahrersitz, so eingepackt, dass er breiter wirkte, als er war. Die Mütze rutschte ihm ins Gesicht. Er hielt die Hände im Schoß, als wären sie irgendwo zu verstauen. Sicherheitsgurte gab es nicht; der Wagen kannte dieses Wort noch nicht. Die Scheiben waren innen milchig beschlagen. Die Mutter wischte mit dem Ärmel über die Windschutzscheibe, eine halbkreisförmige Öffnung, die sofort wieder trüb wurde.

Der Kollege beugte sich ans Fenster.

„Langsam machen“, sagte er. Dann fügte er hinzu, als sei es eine formale Ergänzung: „Da draußen ist’s glatt.“

Sie nickte. Sie sagte nichts. Die Worte von gestern Nacht lagen noch in ihr.

Der Kollege trat zurück. Der Wagen rollte vom Hof, erst zögernd, dann mit der behäbigen Sicherheit eines Autos, das sein Leben aus Gewohnheit fortsetzt.

Kaum waren sie auf der Straße, begann der Wald. Links stiegen die Stämme dicht auf, dunkel und reglos. Oben auf den Kronen türmte sich der Schnee. Rechts fiel das Gelände ab, nicht sofort, nicht spektakulär, aber sichtbar: ein Hang, der sich in Weiß verlor, tiefer und tiefer, bis die Konturen verschwammen. Der Schnee lag schwer auf den Ästen. Er fiel nicht; er wartete nur.

Die Mutter fuhr nicht schnell, jedenfalls nicht in dem Sinn, den ein Tacho anzeigt. Aber sie fuhr schneller, als ihr Kopf hinterherkam. Ihre Hände hielten das Lenkrad in einer festen, zu festen Haltung. Sie merkte, wie sie die Schultern hochzog, als wolle sie ihren Körper gegen etwas abschirmen.

In ihr lief es weiter, ohne dass sie es anhalten konnte: Der Mann tot. Die Operation. Der Tag, der alles umwarf. Keine Wohnung. Keine Arbeit. Drei Kinder. Zwei Mädchen zu Hause bei den Großeltern. Der Junge neben ihr, der gerade so alt war, dass er schon verstand, dass etwas nicht stimmt, aber noch zu jung, um das Ausmaß zu begreifen.

Schulden. Briefe. Namen von Sachbearbeitern, die sie inzwischen besser kannte als manche Nachbarn. Der Geruch in der Wohnung der Großeltern. Die Art, wie man morgens aufwacht und sich kurz wundert, warum man nicht in dem eigenen Bett liegt — und dann erinnert man sich wieder, und alles wird schwer.

Die Scheiben wurden erneut milchig. Die warme Luft aus der Heizung stieg auf, traf die kalte Glasfläche, und sofort war die Welt draußen nicht mehr klar, sondern hinter einem dünnen Film, der sich unaufhaltsam zurückbildete. Sie wischte wieder mit dem Ärmel. Ein Streifen blieb, ein Streifen ging. Der Rest blieb trüb.

Der Junge schaute nach vorn, erst auf die Straße, dann in die weißen Bäume. Er sagte nichts.

Die Straße zog sich bergab, in langen, unspektakulären Metern. Keine dramatischen Kurven, kein Schild, das warnte. Nur das Gefühl, dass der Wagen leicht wurde, als würde er weniger auf dem Asphalt stehen und mehr auf etwas Dünnem, das man nicht sieht.

Dann war es plötzlich da: ein Moment ohne Geräusch.

Die Reifen hörten auf zu arbeiten. Es gab kein Schlingern im klassischen Sinn, kein großes Ausbrechen, das sich ankündigt. Es war, als hätte jemand unter dem Auto den Kontakt gelöst. Der Opel glitt.

Die Mutter spürte zuerst nicht den Rutsch, sondern die Abwesenheit von Widerstand. Das Lenkrad wurde leicht. Die Straße unter ihnen war noch da, aber sie war nicht mehr verbindlich.

Rechts öffnete sich der Hang. Felsen mit weißen Polstern, tief, leer. Der Abgrund war kein schwarzes Loch, sondern ein heller Raum, der in die Tiefe ging, weich und endgültig.

Und in ihr, dort, wo seit Monaten nur Anspannung und Pflicht gewesen waren, öffnete sich etwas anderes. Kein Gedanke, eher ein Impuls. Eine Möglichkeit, die so schlicht war, dass sie fast tröstlich wirkte: nichts tun.

Nicht lenken. Nicht kämpfen. Nicht wieder retten. Es geschehen lassen.

Sie sah, ohne dass sie es wollte, wie die Last von ihr abfallen könnte wie ein Mantel, den man abwirft. Keine Verantwortung. Keine Briefe. Keine Fragen. Kein „Wie sollen wir nur weitermachen…“ mehr. Einfach Stille.

Die Mädchen würden klarkommen. Die Großeltern würden es schaffen. Irgendwie. Man schafft vieles, wenn es keine Alternative gibt. Es gäbe Trauer, ja — aber Trauer ist ein Gefühl, das irgendwann einen Rahmen findet. Schulden dagegen sind Zahlen, die bleiben. Und sie hatte genug davon, bleiben zu müssen.

Es fühlte sich, für einen einzigen Moment, gut an. Wie freier Fall. Wie eine Tür, die endlich aufgeht.

Der Junge sah das alles in Zeitlupe, aber nicht als Idee. Für ihn war es Realität. Er sah, wie die Straße sich schräg stellte. Wie die Bäume nicht mehr da waren, wo sie sein sollten, weil der Wagen nicht mehr gerade fuhr. Wie rechts das Weiß nicht einfach Schnee war, sondern Tiefe.

Der Abgrund fühlte sich falsch an, nicht moralisch, sondern körperlich. Der Körper wusste: Dort geht man nicht hin.

Er drehte den Kopf zu ihr. Ihre Hände waren am Lenkrad, aber sie wirkten nicht aktiv. Ihr Blick war nach vorn, doch als sähe sie durch etwas hindurch. Als wäre sie plötzlich woanders.

„Mama“, sagte er. Erst leise, suchend. Dann lauter. „Mama! Mama, was machst du?“

Das Wort traf sie nicht wie ein Vorwurf, sondern wie ein Griff. Etwas zog sie zurück.

Sie riss am Lenkrad. Sie trat auf die Bremse. Das Pedal gab nach, aber es passierte nichts, als würde sie auf einen leeren Raum drücken. Der Wagen glitt weiter, unbeeindruckt, als gehöre die Mechanik nicht mehr zu ihnen.

Noch einmal lenken. Noch einmal bremsen. Ihr Fuß hart auf dem Pedal, als könnte Härte Reibung erzeugen.

Dann, abrupt, griffen die Räder.

Nicht sanft, sondern brutal. Der Opel machte einen Sprung in die Gegenrichtung, als würde er sich schämen für den Moment des Gleitens. Die Hinterachse drückte, der Wagen schoss quer über die Straße, weg vom Hang — und hinein in den Wald.

Es war kein Ausweichen in einem kontrollierten Bogen. Es war ein abruptes Wegschleudern. Bäume kamen nicht näher, sie waren plötzlich da.

Ein Schlag. Metall auf Holz. Ein Krachen, das nicht nur im Ohr, sondern im Brustkorb spürbar war. Der Motor heulte auf, ein tierisches Geräusch, dann erstickte es. Glas zerbarst in einem kurzen, hellen Klang.

Der Junge wurde nach vorn gerissen, nicht aufgehalten von irgendetwas. Der Mantel blähte sich, als wolle er ihn schützen. Für einen Sekundenbruchteil war alles weiß — Schnee, Atem, Glasstaub.

Er flog durch die Windschutzscheibe, als wäre sie nicht da gewesen.

Und während sein Körper sich aus dem Sitz löste, hatte er ein Gefühl, das nicht in diesen Moment gehörte: Er kannte das. Nicht als Erinnerung an eine frühere Fahrt, sondern als Gefühl, als Bild, das ihn seit Jahren im Schlaf heimgesucht hatte. Das Dach eines Hauses, das weggerissen wird. Luft, die plötzlich dort ist, wo eigentlich Sicherheit sein sollte. Stimmen, Männerstimmen, von irgendwoher. Ein Riss in der Welt.

Er landete hart, nicht im Schnee, sondern auf etwas Metallischem, warmem Metall, das noch Motorwärme hielt. Die Motorhaube. Er lag schräg, die Beine halb im Leeren, und spürte erst nichts, dann ein Pochen an der Schläfe. Etwas Warmes lief ihm seitlich ins Gesicht und fror sofort an der Kälte.

Er wollte sich aufrichten, weil Aufrichten die einzige Bewegung war, die sein Körper kannte, wenn etwas nicht stimmte.

„Bleib liegen“, sagte eine Stimme, nah und grob, nicht unfreundlich, aber ohne Spielraum.

Hände drückten ihn zurück. Eine Hand auf seiner Schulter, schwer. Eine andere am Arm. Er sah nur Teile: eine Jacke, dunkler Stoff, ein Gesicht über ihm, das sich bewegte, ohne dass er die Worte richtig fassen konnte.

Er hörte Männer mit seiner Mutter sprechen. Hörte ihren Namen nicht, hörte nur den Ton: kontrolliert, drängend. Er hörte die Mutter atmen, kurz, stoßweise. Er wollte zu ihr schauen, aber sein Kopf drehte sich nicht so, wie er wollte.

Irgendwann, aus der Ferne, kam ein Martinshorn. Erst wie ein Fehler im Wind, dann klarer. Es schnitt durch den Wald, durch den Schnee, durch das Krachen, das noch in seinen Ohren hing.

Eine Decke wurde über sein Gesicht gezogen, nur halb, als wolle man ihn schützen und gleichzeitig nicht ersticken. Die Welt wurde dunkler, gedämpfter. Er wurde gehoben. Er spürte, wie sein Körper in eine andere Lage gebracht wurde, wie man etwas transportiert, das zerbrechlich ist. Eine Bahre. Riemen. Stimmen, die in kurzen Befehlen sprachen.

Im Krankenwagen war es warm und roch nach Gummi und etwas Scharfem, Desinfektion. Licht flackerte. Jemand hielt seine Hand, oder hielt sie fest, er wusste es nicht. Die Geräusche waren zu laut und gleichzeitig weit weg.

Im Krankenhaus gab es Decken, die nicht nach Zuhause rochen, und Neonlicht, das keine Schatten zuließ. Er hörte Wörter: „Gehirnerschütterung.“ „Nähen.“ „Schläfe.“ Jemand sagte etwas von einem Loch, so groß wie ein Zweimarkstück, und er dachte seltsam sachlich: Zweimark. Ein Geldstück. Spardose. Etwas, das man in die Tasche steckt. Und jetzt war es ein Maß für ihn.

Dann kam Müdigkeit wie ein Gewicht. Er ließ sie zu.

Als er später wieder auftauchte, war der Raum stiller. Es roch noch immer nach Krankenhaus, aber weniger aggressiv. Sein Kopf fühlte sich an, als sei er zu groß für seinen Körper. Neben dem Bett saß seine Mutter.

Sie hatte ein riesiges blaues Auge, das sich über die Wange zog wie eine dunkle Blüte. Ihre Lippen waren geschwollen. Ein Arm war verbunden und hing in einer Schlinge.

Als sie merkte, dass er wach war, veränderte sich ihr Gesicht. Er sah Erleichterung — und darunter etwas, das tiefer lag, etwas, das nicht einfach verschwindet, nur weil man überlebt hat.

„Du lebst“, sagte sie, zu leise für einen Triumph.

Er schluckte. Der Hals tat weh. Ein Auge war verbunden. Er hatte einen riesigen Verband um den Kopf.

„Was ist passiert?“, fragte er, weil die Frage in ihm lag wie ein Stein.

Sie sah ihn an. In ihrem Blick war alles: der Wald, der Abgrund, die Sekunde, in der sie nichts getan hatte, und die nächste, in der sie alles tat.

„Ein Unfall“, sagte sie.

Mehr sagte sie nicht. Vielleicht konnte sie nicht. Vielleicht wollte sie nicht, vor sich selbst.

Der Junge schloss die Augen wieder. Nicht weil er schlafen wollte, sondern weil Wachsein anstrengend war. Er spürte den Verband an der Schläfe, das Ziehen der Nähte, als hätte man ihn zusammengefügt.

Und er glitt zurück in den Schlaf, während seine Mutter neben ihm saß, froh und gleichzeitig verzweifelt, weil das Leben weiterging — nicht leichter, nur weiter.

Sie hatte die Großeltern angerufen. Alles berichtet. Sie hatte nicht genug Geld. Das Geld kam als Formular am nächsten Morgen. Sie stand am Postschalter, die Finger steif in den Handschuhen, und dem Mann hinter der Scheibe erklärte sie, was sie brauchte, ohne zu erzählen, warum. Sie legte ihren Personalausweis hin. Der Mann zahlte ihr das Geld der Postanweisung aus.

Damit bezahlte sie das Hotelzimmer – eine Nacht, weil sie nach dem Krankenhaus keinen Ort hatte, an dem sie hätte sein sollen – und die Fahrkarten für den Zug.

Der Tag der Abreise war klar und kalt. Am Bahnhof lag Schnee. Graue Hügel am Rand der Wege, schmutzig vom Tritt der Menschen, von den Reifen der Autos, vom Kohlebrand der Häuser und dem feinen Staub der Stadt. Der Junge ging neben ihr her und hielt sich an der Tasche fest, als müsse er sich vergewissern, dass er noch etwas besitzt.

Er kannte diesen Bahnhof. Von hier aus waren sie als Familie mit Vater und Mutter und seinen beiden Schwestern, alle zusammen, mit Gepäck und Vorfreude, in den Nachtzug hinein, der sie in den Sommer trug. Damals hatte der Bahnsteig nach Metall und Brezeln gerochen, nach Kaffee und Zigarettenrauch, nach Abfahrt. Er hatte es geliebt, wie die Lautsprecher die Züge ankündigten, wie Menschen sich in Bewegung setzten, wie man in ein Abteil stieg und wusste: jetzt beginnt etwas.

Er sah die Halle, die Schilder, die Uhr. Alles war vertraut. Aber es war nicht mehr sein Zuhause. Es war, als schaue er auf ein Bild, das jemand neu gerahmt hatte.

Er erinnerte sich auch an diesen anderen Abschied: den letzten Schultag vor den Ferien, im letzten Sommer, als sie weggezogen waren. Die Klassenlehrerin hatte die Kinder gesammelt, und sie hatten gesungen. Der Refrain war geblieben, weil er so einfach war, dass er sich festsetzt: Viel Glück und viel Segen. Ein Lied, das man singt, wenn man nicht weiß, was man sonst sagen soll.

Jetzt war Winter, und Glück war ein Wort, das man nicht mehr leicht aussprach.

Der Zug stand bereits am Gleis. Kein Nachtzug, kein Versprechen, nur ein Zug, der fuhr. Die Türen standen auf. Menschen trugen Taschen, Kinder zogen an Ärmeln, irgendwo klapperte eine Thermoskanne. Die Mutter hielt den Jungen kurz an der Schulter fest, nur als Orientierung, nicht als Zärtlichkeit. Das blaue Auge spannte über ihrer Wange, eine dunkle Farbe in dem blassen Licht.

„Komm“, sagte sie.

Sie stiegen ein.

Im Abteil saßen schon andere. Ein älteres Paar am Fenster, ordentlich, die Mäntel sauber, als hätten sie sie nur für diese Fahrt angezogen. Auf der gegenüberliegenden Seite ein Mann mittleren Alters, der eine Zeitung ausbreitete, als wäre die Welt darin stabil. Menschen, bei denen alles noch zusammenhing, dachte die Mutter, ohne Neid, eher mit einer nüchternen Verwunderung.

Die Leute sahen hin. Nicht starrend, aber aufmerksam. Das blaue Auge war ein Zeichen, das Fragen provozierte, selbst wenn man sie nicht stellen wollte. Der Junge hatte einen Verband an der Schläfe, das Auge verbunden, unter der Mütze zeichnete sich eine Kante ab, als würde dort etwas zusammengehalten. Seine Hände lagen auf den Knien. Er saß sehr still, als wäre Bewegung riskant.

Als der Zug anfuhr, fragten die Mitreisenden.

„Was ist denn passiert?“

Die Mutter erzählte. Es kam nicht als dramatische Geschichte, sondern als sachlicher Bericht: glatte Straße, Scheiben beschlagen, Rutschen, Baum. Krankenhaus. Nähen. Glück gehabt. Sie benutzte dieses Wort – Glück – und es klang in ihrem Mund, als wäre es etwas, das sie nur aus fremden Texten kannte.

Das ältere Paar reagierte sofort. Bestürzung, Anteilnahme, diese rasche moralische Ordnung, die Menschen herstellen, wenn etwas Ungeordnetes in ihre Nähe kommt.

„Ach Gott“, sagte die Frau. „Im Winter… im Wald…“

Der Mann schnalzte mit der Zunge, schüttelte den Kopf, als wäre es eine technische Frage.

Der Mann mit der Zeitung legte sie beiseite und beugte sich ein wenig vor, als müsse er jetzt ebenfalls Teil dieser Wirklichkeit werden.

„Und der Kleine…?“

„Gehirnerschütterung“, sagte die Mutter. „Und eine Wunde. Aber… es wird wieder.“

Sie sagte es so, als würde sie es selbst erst glauben, wenn sie es aussprach.

Die ältere Frau kramte in ihrer Handtasche. Diese Bewegung war automatisch, fast rituell: als ließe sich Anteilnahme durch etwas Greifbares beweisen.

„Hier“, sagte sie und hielt dem Jungen ein Hustenbonbon hin. „Für den Hals.“

Der Junge nahm es. Er wusste nicht, ob er es wollte, aber er wusste, dass man in solchen Momenten nimmt. Er steckte es in die Manteltasche und sagte leise „Danke“, zu erwachsen für sein Alter.

Dann wurde wieder geredet, kurz und in Sätzen, die nichts riskierten: „Sie müssen sich schonen.“ „Das wird schon.“ „Die Hauptsache ist, Sie leben.“ Man nannte das Schicksal, man nannte den lieben Gott, man nannte die Vorsicht. Niemand nannte den Moment, in dem alles hätte anders laufen können.

An den nächsten Stationen verließen sie nach und nach das Abteil. Erst der Mann mit der Zeitung. Dann das ältere Paar. Türen öffneten sich, kalte Luft schnitt herein, Stimmen auf dem Bahnsteig, ein kurzer Austausch, dann wieder das Geräusch des Zuges, wie ein gleichmäßiges Atmen.

Schließlich waren nur noch Mutter und Sohn da. Sie rückten ans Fenster. Der Junge setzte sich in Fahrtrichtung. Die Mutter ihm gegenüber.

Die Landschaft draußen begann zu fließen. Häuser wurden seltener, Felder breiter. Der Schnee lag auf den Wiesen in langen Streifen, an manchen Stellen unterbrochen von dunkler Erde. Der Himmel war hell, aber ohne Sonne. Die Welt schien aufgeräumt, als hätte jemand alle Farben reduziert.

Später kam der Rhein.

Er tauchte nicht plötzlich auf, sondern als eine Ahnung: mehr Licht, mehr Weite, eine andere Luft. Dann lag er da, grau und schwer, und der Zug folgte ihm, als hätte er sich an ihn gebunden. Die Ufer waren winterlich, die Bäume kahl, die Hänge darüber dunkel. Burgen standen auf den Höhen wie festgehaltene Silhouetten, Schlösser als Schatten von Geschichten, die man Kindern erzählt, wenn man will, dass sie sich vor etwas anderes fürchten als vor dem Leben.

Der Junge kannte diese Strecke. Er kannte sie nicht aus Karten, sondern aus Wiederholung, wenn sie in den Ferien zu den Großeltern fuhren. Er wusste, welche Stationen kommen würden, wann das Wasser näher an die Gleise rückte, wann der Fels dichter herantrat. Er sah hinaus, und in seinem Blick war etwas, das man nicht „Hoffnung“ nennen musste, damit es existierte: Orientierung. Eine Richtung. Das Gefühl, dass vorne etwas ist, das man erreicht, wenn man sitzen bleibt.

Er lehnte die Stirn kurz gegen die Scheibe, nicht müde, eher als wollte er den Rhythmus des Zuges körperlich aufnehmen. In der Spiegelung sah er sein eigenes Gesicht, blass, mit dem dunklen Rand unter der Mütze. Ein Kind mit einem neuen Zeichen am Kopf, das bleiben würde. Eine Markierung, dass etwas passiert war.

Die Mutter saß ihm gegenüber und schaute in die andere Richtung.

Nicht demonstrativ, nicht als Symbol, sondern weil ihr Blick sich dort festhielt, wo der Zug herkam. Die Burgen glitten vorbei, die Ufer, die schmutzigen Schneeränder, und sie dachte nicht an Schlösser und Sagen, sondern an Fragen. An den Moment vor dem Baum. An das Gefühl von Leichtigkeit, das sie erschreckt hatte, weil es so gut gewesen war.

Was sollte sie zu Hause erzählen?

Den Großeltern: dass es passiert ist, dass es knapp war, dass sie wieder einmal Glück hatten? Der Schwiegermutter: dass der Junge durch die Scheibe geflogen ist, dass sie im Krankenhaus saß und nicht wusste, ob sie noch Mutter ist oder schon jemand, der etwas verloren hat? Und vor allem: welche Version davon war ertragbar?

Sie sah den Jungen an. Er blickte nach vorn, konzentriert, fast sachlich, wie ein Fahrgast, der die Strecke kontrolliert. Er war da. Er lebte. Sie spürte Erleichterung, aber sie war nicht rein. Sie war durchzogen von etwas anderem, das sich nicht beruhigen ließ.

Noch mehr Probleme, dachte sie. Noch mehr Wege, noch mehr Formulare, noch mehr Erklärungen. Als hätte sie nicht schon genug.

Der Zug fuhr weiter, gleichmäßig, unbeeindruckt von ihrer inneren Unordnung. Er nahm Kurven, glitt an Felsen vorbei, passierte die Stelle, an der die Loreley als Name im Kopf des Jungen auftauchte, weil er sie wiedererkannte. Draußen rauschte die Winterlandschaft vorbei, ruhig und unerbittlich.

Die Mutter hielt den Blick nach hinten, bis ihr die Augen brannten.

Warum, dachte sie, hatte sie den Lenker herumgerissen?

Sie kannte die Antwort, aber sie ließ sich nicht als Satz fassen. Sie lag irgendwo zwischen dem Ruf ihres Sohnes und der Tatsache, dass Verantwortung nicht endet, nur weil man sie für einen Augenblick loslassen will.

Der Junge schob die Manteltasche zurecht, spürte das Hustenbonbon darin, als Beweis, dass fremde Hände ihm etwas gegeben hatten, und schaute weiter nach vorn, als könnte der Zug ihn in eine Zeit bringen, in der er nicht mehr hören musste, wie Erwachsene nachts verzweifeln.

Und zwischen ihnen, über dem Tischchen, in dem leeren Abteil, stand die Richtung wie ein stilles Urteil: vorne und hinten, Zukunft und Vergangenheit.

 

 

 

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