La Vueltas
Der schwarze Sand war noch warm vom Tag, als Frederike langsam über den Strand von Vueltas ging. Ihre nackten Füße gruben sich in den Sand, während der Himmel sich in jene schwer zu benennende Farbe tauchte, irgendwo zwischen Lila, Rostrot und Erinnerung.
Sie blieb stehen, dort, wo die alte Zeder ihre Äste wie schützende Arme über den Strand spannte. Tagsüber war dies ein Ort der Geschichten – erzählt von Touristen, Aussteigern und den Kindern der Einheimischen. Es ging um verflossene Lieben, geniale Ideen, Ungerechtigkeiten und Erinnerungen an Leben, das gewesen und nie richtig gelebt war. So manches Geheimnis schien hinter der Rinde dieser alten Zeder zu schlummern. Für Frederike war sie ein täglicher Halt geworden, ein Ritual am Abend, wenn sie noch einmal am Meer entlangging.
Sie grüßte freundlich die Menschen, die ihr begegneten. Viele kannten sie mittlerweile – die fröhliche Frau aus der deutschen Community, stets mit einem Lächeln, immer für einen lockeren Spruch zu haben. Doch niemand kannte sie wirklich. Frederike war eine Meisterin darin geworden, ihr Innerstes zu verbergen.
Seit zwei Jahren lebte sie nun auf La Gomera. Kein mutiger Aufbruch hatte sie hierhergeführt, sondern eine stille Flucht. Vor dem, was sie hinter sich gelassen hatte. Geplagt von Depressionen und Zusammenbrüchen wollte sie ihr altes Leben nicht mehr weiterleben. Ein Erbe hatte ihr das Aussteigen ermöglicht. Aber selbst hier, in der Schönheit dieser wilden Insel, ließ sie die Unruhe nicht los. Etwas schlummerte in ihr – etwas, das keinen Namen hatte. Eine Unruhe, eine Angst, die sie begleitete. Manchmal glaubte sie, es sei die Angst vor dem Tod. Doch tief in ihrem Innersten ahnte sie: Es war etwas anderes. Etwas Älteres. Etwas, das nicht sterben wollte, solange es nicht ans Licht kam.
An diesem Abend war es nicht wie sonst. Die Luft war schwer, nicht nur vom Salz. Kein Kinderlachen mehr. Die Stille war nicht friedlich, sondern bedrückend. Etwas war geschehen – etwas Unaussprechliches. Ein Schleier hatte sich über die Gesichter gelegt. Selbst die Einheimischen, sonst gelassen, blickten weg.
Seit einigen Tagen hingen diese Plakate überall. An den Mauern der Häuser, an den Laternenmasten, neben den Ankündigungen für Konzerte und Fiestas. Weiße Blätter, mit einem Schwarz-Weiß-Foto einer älteren Dame in der Mitte. Frederike wusste nicht, wie oft sie daran vorbeiging. Manchmal nahm sie sie kaum wahr, manchmal blieb ihr Blick daran hängen, ohne dass sie hätte sagen können, warum.
Die unbändige Natur hatte sie sich genommen. Diesmal nicht einen jener leichtsinnigen Touristen, die Jahr für Jahr in die Brandung gehen und die Strömungen des Atlantiks unterschätzen. Diesmal jemanden, der die Gefahren kannte – jene Gefahren, vor denen hier seit Generationen gewarnt wird, mit knappen Sätzen und Blicken, die eindringlicher sind als jedes Verbot.
Es war eine der Santiguardoras gewesen. Eine von denen, die man kannte, ohne sie wirklich zu kennen. Eine Frau, die immer dort war, die wusste, wann das Meer ruhig war und wann man Abstand halten musste. Sie war nicht baden gegangen. Sie war nur spazieren gewesen, wie so viele Abende zuvor. Für einen Augenblick hatte sie vielleicht in die Ferne geschaut, dorthin, wo Wasser und Himmel ineinanderlaufen, und in diesem winzigen Moment war Wissen nur noch Gewohnheit. Die Welle kam nicht wie ein Ereignis, sondern wie etwas, das sich vorbereitet hatte: erst flach, fast höflich, dann näher, vorsichtig, wie eine Raubkatze, die sich an ihre Beute heranpirscht – und dann, mit einem einzigen riesigen Sprung, riss sie sie in sich hinein, fort von der Promenade, hinab in die endlosen Tiefen des Meeres.
Die Leute sprachen leiser als sonst. Nicht viel. Keine Geschichten, keine Erklärungen. Nur kurze Sätze, abgebrochene Gedanken. Man zuckte mit den Schultern, als ließe sich das Geschehene nicht einordnen. Das Meer lag da wie immer, weit und gleichmütig. Aber etwas hatte sich verschoben.
Frederike bemerkte, dass sie unwillkürlich langsamer ging, wenn sie sich der Promenade näherte. Dass sie stehen blieb, wo sie sonst weitergegangen wäre. Die Todesanzeigen flatterten leicht im Wind, als wollten sie sich bemerkbar machen, und sie fragte sich, wie viele Male man an so einem Zettel vorbeigehen konnte, bevor er begann, etwas in einem zu verändern.
Es war keine Panik, die sie spürte. Eher ein leiser Druck. Die Ahnung, dass Sicherheit ein Versprechen ist, das jederzeit zurückgenommen werden kann. Dass es Orte gibt, die man für harmlos hält, bis sie es nicht mehr sind. Und dass es Menschen trifft, die eigentlich wussten, wie man lebt.
Am nächsten Morgen waren viele in Schwarz gekleidet, und Frederike begriff, dass es kein einzelner Moment gewesen war, sondern ein Abschied, der sich seinen Platz im Ort gesucht hatte.
Frederike setzte sich unter die Zeder, zog die Knie an die Brust und starrte hinaus aufs Meer. Das rhythmische Rauschen der Wellen, dieses ewige Kommen und Gehen, schenkte ihr einen kurzen Moment der Ruhe. Der Wind strich ihr durchs Haar und trug den fernen Klang einer Gitarre zu ihr herüber – kaum hörbar, aber da. Wie eine Erinnerung, verborgen hinter einem Schleier.
Sie dachte an ihre Kindheit. An das Pfeifen des Vaters, das Lachen der Mutter, das eines Nachts plötzlich verstummt war. Und an die Jahre danach – das Funktionieren, das Aushalten. Die Erschöpfung, die sich in ihr festgesetzt hatte wie Nebel in den frühen Morgenstunden.
Sie dachte daran, wie das Verschwinden nie als Ereignis kam, sondern kaum spürbar, dann unabwendbar. Wie es sich auf die Seele legt und bleibt: ein stiller Begleiter, der nie ganz weicht.
Die Felsen von Vueltas standen still und schwer hinter ihr, wie ein Manifest, als wollten sie ihr Halt geben. Das Meer verlor sich in der Weite. Und sie, Frederike, saß mittendrin – atmete die Farben der Luft, das Rauschen der Wellen und die Gitarrenklänge ein.
Was auch immer an diesem Tag geschehen war – es hatte auch sie erschüttert, ohne dass sie sagen konnte, warum. Vielleicht, weil sie spürte, wie nah das Ende immer war. Wie ein ständiger Verfolger, der verschwindet, sobald man sich umdreht. Nicht das große, unausweichliche Ende. Sondern jenes kleine, stille Ende, das kommt, wenn man aufhört zu suchen, aufhört neugierig zu sein, aufhört zu hoffen.

