Fridolin und Anton

Wie so oft saß Anton auf seiner Bank am alten Bahnhof in Wanne-Eickel in der untergehenden Sonne. Es war ein schöner, warmer Sommerabend und die letzten Bienchen beeilten sich, den eingesammelten Honig des Tages noch schnell in ihren Bienenstock zu bringen, bevor die Sonne sich hinter dem Horizont in ihr Bett legen würde. Frau Amsel saß auf dem Dach des alten Bahnhofs und sang noch eines ihrer hinreißenden Liedchen von der Schönheit Wanne-Eickels zum Abschied dieses wundervollen Sommertags.

„Ach,“ stöhnte Anton in die untergehende Sonne, „das ist ein schöner Abend.“
Anton saß auf seiner Bank am alten Bahnwärterhäuschen. Ein leichter Wind wehte durch die Birkenblätter. Die Birken hatten sich auf dem Gelände des alten Bahnhofs niedergelassen. Jeden Tag breiteten sie sich ein bisschen weiter aus. Die Birke neben der Bank von Anton hatte mittlerweile eine stattliche Größe erreicht. Sie hatte einfach eine der Bodenplatten zur Seite geschoben und wuchs seitdem Monat um Monat immer weiter. Ihr Blätterdach spendete Anton Schatten im Sommer und schützte ihn, wenn das Wetter schlecht war, vor den Regentropfen.

Neben ihm stand auf dem Abstellgleis Fridolin, die alte Dampflok. Fridolin war schon sehr alt. Er hatte lange, bevor es Autobahnen gab, Menschen, Tiere und Post transportiert. Fridolin hatte sogar in seinen jungen Jahren einmal den deutschen Kaiser, seine Frau und seine Dackel, von Deutschland nach Holland fahren dürfen. Der Kaiser meinte damals zu Fridolin, wie prächtig er sei.

Fridolin war in seinem langen Leben schon viel herumgekommen. Er war in ganz Deutschland unterwegs, in der Schweiz, in Österreich, in Italien, in Frankreich, in Polen, in Indien, in Afrika und in Spanien, bis er dann wieder nach Deutschland zurückkam. Da landete er schließlich auf einem Schrottplatz, bis ihn Anton fand.

Anton liebte es, auf Schrottplätzen nach alten Dingen zu suchen. Im April, bei Regen und Wind, fand Anton Fridolin auf einem Schrottplatz bei Rostock.  Anton dachte sofort: „Den muss ich haben.“ Schnell wurde er sich mit dem Besitzer vom Schrottplatz einig und kaufte ihm Fridolin ab. Anton kannte ein paar Rentner in Polen, die früher als Eisenbahner bei der polnischen Eisenbahn gearbeitet hatten. Jetzt hatten sie sich zusammengetan und bauten alte Eisenbahnen zusammen.

Anton rief seine Freunde aus Polen an. Die waren sofort begeistert und reisten mit einem LKW mitsamt Tieflader nach Rostock und holten Fridolin dort ab. Als er dann ein Jahr später den Anruf von seinen polnischen Freunden erhielt, dass Fridolin jetzt fertig sei und wieder ganz prima fahre, machte sich Anton sofort auf den Weg und holte Fridolin ab. Und wie Fridolin fuhr! Wie ein geölter Blitz. Anton ließ sich den Fahrtwind um die Ohren wehen.

Fridolin hatte auch einen neuen Kessel für seine Dampfmaschine bekommen. Was allerdings keiner bis dahin wusste, war, dass das Eisen des Kessels aus einer Eisengrube in Norwegen kam. Und in dieser Eisengrube wohnten Trolle. Sie hatten das Eisenerz mit einem Zauberspruch verwunschen. Seitdem konnte Fridolin sprechen. Und er konnte die Sprache der Tiere verstehen und hatte außerdem noch so manche Zauberkräfte, die ich hier noch nicht verraten will. Kurz, wenn Fridolin wollte, dass ihn jemand verstand, dann konnte er mit diesen Menschen sprechen. Und nur diese Menschen verstanden Fridolin. Die anderen hörten nur ein Zischen und Rumpeln, wie es gewöhnlich von alten Dampflokomotiven üblich ist. Als Anton den Fridolin abholte und er den Kessel von Fridolin einheizte und Fridolin richtig Fahrt aufnahm, vernahm Anton plötzlich die rostige Stimme von Fridolin, der vor lauter Freude ausrief:

“Uiih, das macht Spaß! Leg noch Kohlen drauf, ich fühl mich wie neu geboren!“

Anton erschrak und blickte sich um. Wer sprach da zu ihm? Außer Anton war niemand im Führerstand der Lokomotive.

„Schlaf nicht ein, alter Mann“, sprach Fridolin zu Anton, „ich will, dass uns so richtig der Fahrtwind um die Ohren weht.“

Anton machte große Augen. „Kannst du etwa sprechen?“, fragte Anton ängstlich.

„Ja, klar“, antwortete Fridolin überglücklich, weil er nach all den Jahren auf dem Schrottplatz endlich wieder über die Gleise rasen konnte wie früher.

„Ich bin Fridolin, die Zauberlokomotive! Und wie heißt du?“ fragte Fridolin.

„A-A-A-Anton“, stotterte Anton verdutzt. Eine sprechende Lokomotive, das würde ihm niemand glauben. Auf dem langen Weg nach Hause von Polen nach Wanne-Eickel, mitten ins Ruhrgebiet, erzählten sich die beiden die eine oder andere Geschichte aus ihrem Leben. Und als sie schließlich in Wanne-Eickel ankamen, war es fast so, als hätten sie sich schon immer gekannt.

Jetzt waren sie hier gemeinsam an diesem wunderschönen Sommerabend in Wanne-Eickel und waren mit sich und der Welt zufrieden. Mit seiner rostigen alten Stimme sagte Fridolin: “Ja, das ist ein schöner Abend. Das erinnert mich daran, wie ich mit meinem Bruder zusammen geholfen habe, einen Eisenbahntunnel in der Schweiz zu bauen. Wir beide waren damals als Lastenlokomotiven in der Schweiz eingesetzt. Und abends saßen wir dann oft mit den Bauarbeitern am Walensee und schauten zu, wie die Sonne die Berge in einem leuchtenden Rot erglühen ließ.“

Anton schaute Fridolin verwundert an. „Du hast mir nie erzählt, dass du einen Bruder hast. Wo ist er denn heute?“, fragte Anton neugierig.

„Das letzte, was ich von ihm gehört habe, hat mir eine alte italienische Lokomotive erzählt, die ich in Indien kennengelernt habe. Eleonore hieß sie und war so wunderschön. Sie war so schnell und hatte so wunderschöne runde Formen.“

Fridolin hatte die Angewohnheit von einer Geschichte in die nächste zu fallen und verlor dabei manchmal den Faden.

„Was sagte denn jetzt diese Eleonore?“ unterbrach ihn Anton.

„Ach ja, jedenfalls sagte sie, dass er nach einem Achsbruch verschrottet worden sein soll. Ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört“, antwortete Fridolin traurig.

Beide blickten stumm in das kräftige Abendrot, das die Sonne hinterlassen hatte, nachdem sie sich hinter dem Horizont in ihr Bettchen gelegt hatte. Anton hatte plötzlich eine Idee.

„Sag mal, Fridolin“, Anton sprach langsam und kniff seine Augen etwas zusammen, so wie er es immer tat, wenn er sich einen Plan ausdachte.

„In der Schweiz gibt es doch bestimmt auch Schrottplätze!“

Fridolin überlegte.

„Ja und es gibt dort sogar Eisenbahnfriedhöfe! Die Schweizer lieben ihre Eisenbahn. Wenn die dann mal nicht mehr fahren können und man sie nicht mehr reparieren kann, dann kommen die sogar auf einen Eisenbahnfriedhof.“

„Ich hab da eine Idee“, rief Anton aus und riss dabei seine Augen weit auf, so wie er es immer tat, wenn er einen Plan in die Tat umsetzen wollte. „Ich rufe meine alte Freundin aus der Schweiz an, die Ruth. Sie war jahrelang bei der Schweizer Eisenbahn und kennt sich bestens aus mit allem, was mit Eisenbahnen zu tun hat. Wir suchen deinen Bruder oder das, was noch von ihm übrig ist!“

„Meinst du das geht?“ fragte Fridolin und schloss gleich voller Begeisterung an: „Au ja, das ist eine tolle Idee.“

Euphorisch pfiff Fridolin dreimal durch seine Lokomotiven Pfeife. Anton sprang von seiner Bank auf und schlurfte zum alten Bahnhofswärterhäuschen, wo noch das alte Wählscheibentelefon an der Wand hing. In der Ecke stand eine alte Standuhr, die laut tickte und jede volle Stunde die Zeit anschlug. Neben einem alten klobigen Schreibtisch, auf dem alte Zeitungen, Zettel, Kekse und eine alte Butterstulle lag, waren 5 große Hebel im Boden eingelassen. Mit denen konnte Anton die Weichen im Bahnhof bedienen.

Anton nahm den schwarzen Hörer von der Gabel des Telefons und blätterte in dem speckigen Notizbuch, das auf einer kleinen Ablage neben dem Telefon lag.

„Ah, da ist die Nummer von der Ruth“ Anton steckte den Zeigefinger in die Wählscheibe und drehte die Wählscheibe Nummer für Nummer. Die Wählscheibe von dem Telefon drehte sich jedes Mal mit einem Rattern zurück. Das wiederholte Anton, bis er alle Ziffern gewählt hatte. Es tutete fünfmal am anderen Ende der Leitung. Dann meldete sich eine Stimme.

„Ruth Moser“, krächzte eine Stimme durch das Telefon.

„Grüezi Ruth, hier ist der Anton“, begrüßte Anton seine alte Freundin in der Schweiz. Aufgeregt erzählte Anton von seinem Freund, der alten Dampflokomotive Fridolin und von seinem Plan.

Ruth hörte begeistert zu und sagte Anton dann: „Das ist eine prima Idee, Anton. Ich kann euch bestimmt helfen und ich frage schon mal alle meine Kollegen und Freunde, ob sie was von der alten deutschen Dampflokomotive wissen. Und dann kommt ihr zu mir und holt mich ab und wir suchen gemeinsam nach dem Bruder von deinem Lokomotivenfreund.“

Anton konnte es kaum erwarten loszufahren. Er freute sich auf das Abenteuer und auf seine alte Freundin Ruth. Nachdem er sich von Ruth am Telefon verabschiedet hatte und den Telefonhörer aufgelegt hatte, lief er sofort raus zu Fridolin, um ihm mitzuteilen, was Ruth gesagt hatte.

„Fridolin, es klappt. Wir machen uns gleich morgen früh auf den Weg“, rief Anton. „Ich packe gleich meine Sachen.“

Fridolins Scheinwerfer leuchteten hell auf. „Wir fahren in die Schweiz, wir fahren in die Schweiz“, wiederholte sich Fridolin immer wieder vor Freude und pfiff dabei durch seine Lokomotiven Signalpfeife. Die Nachbarn des alten Bahnhofs in Wanne-Eickel schauten erstaunt aus ihren Fenstern, um zu sehen, was denn da los ist in der Dämmerung. Am nächsten Morgen sollte es losgehen, noch bevor die Sonne aufging.

 

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